Handelsblatt launcht neues Lifestyle-Magazin - www.wuv.de

www.wuv.de vom 11.08.2004

Handelsblatt launcht neues Lifestyle-Magazin

Die Verlagsgruppe Handelsblatt bringt mit ‘Why not!’ ein neues Lifestyle-Magazin auf den Markt. Die erste Ausgabe liegt am 8. Oktober 2004 der Wirtschaftszeitung ‘Handelsblatt’ bei und hat eine Auflage von rund 215000 Exemplaren. Die zweite Ausgabe folgt am 26. November 2004. ‘Why not!’ erscheint in diesem Jahr zweimal, 2005 viermal. Das Magazin hat zunächst einen Umfang von 52 Seiten und kommt im groflen Magazinformat. Das neue Magazin ist auf die Interessen und das Informationsbedürfnis der überwiegend männlichen Handelsblatt-Leserschaft zugeschnitten. Verantwortlicher Redakteur ist der Mitbegründer des ‘SZ-Magazin’ Christian Kämmerling. Zum Führungsteam gehören auflerdem Michalis Pantelouris, redaktioneller Mitarbeiter der Zeitschriften ‘GQ’ und ‘Geo’. Auflerdem schreiben die renommierten Autoren Axel Hacke und Erwin Koch für die neue Zeitschrift. ‘Why not!’ will den Leser auf einer ‘Entdeckungsreise’ in die Welt des Lifestyle führen.

 

 

Warum nicht - www.kress.de

www.kress.de vom 11.08.2004

Warum nicht

noch eine Beilage zum Thema Luxus und Lifestyle rausbringen, dachte man sich beim “Handelsblatt”. Am 8. Oktober erscheint erstmals “whynot!” als Magazin-Beilage zum “Handelsblatt”. Ursprünglich sollte die Lifestyle-Beilage unter dem weniger orignellen Namen “Life & Style” erscheinen, redaktionell betreut von Albrecht Prinz von Croy mit einem Konzept von Christian Hellmann (täglichkress vom 30. April 2004). Da ist nun keine Rede mehr davon. Die Themen sind das übliche geblieben: Autos, Mode Uhren etc. pp. Interessanter sind da schon die neuen Macher. “whynot!” wird unter Führung der Lebert Medienproduktion hergestellt. Deren Firmengründer Andreas Lebert ist mittlerweile Chefredakteur von “Brigitte”. Inhaltlich verantwortlich sind Christian Kämmerling, ebenso wie Lebert einer der Mitbegründer des “SZ Magazins” und Michalis Pantelouris, Mitarbeiter u.a. bei “GQ” und “Geo” und ehemals bei “FHM”. Kämmerling hat zuletzt ifür die Schweizer “Weltwoche” als Blattmacher und Autor gearbeitet. Creative Director ist Beda Achermann, der auch schon die “Männer Vogue” gemacht hat. Als Autoren wurden u.a. die beiden Kisch-Preisträger Axel Hacke und Erwin Koch verpflichtet. Klingt alles in allem sehr hochwertig. “whynot!” hat 52 Seiten und erscheint in einer Auflage von 215.000 Exemplaren. Eine zweite Nummer ist für den 26. November geplant. 2005 soll “whynot!” dann viermal erscheinen. Eine Anzeigenseite kostet 19.000 Euro. Wer schalten will, darf sich bei Thomas Levermann melden, Telefon 0211 – 887 1301.

 

 

Handelsblatt bringt neues Lifestyle-Magazin "whynot!" heraus - www.kontakter.de

www.kontakter.de vom 11.08.2004

Handelsblatt bringt neues Lifestyle-Magazin “whynot!” heraus

Am 8. Oktober startet die Verlagsgruppe Handelsblatt das Lifestyle-Magazin Whynot. Die Zeitschrift, in der es rund um die Themen Mode, Autos, Uhren geht, liegt der Tageszeitung bei. Die zweite Ausgabe erscheint am 26. November diesen Jahres. Im kommenden Jahr soll es fünf Ausgaben geben. Whynot hat einen Umfang von 52 Seiten. Es erscheint im groflen Magazinformat (23,5 × 31,3 cm) in einer Auflage von rund 215.000 Exemplaren. Produziert wird das neue Heft von einem Redaktionsteam um Christian Kümmerling, Mitbegründer des SZ-Magazins und zehn Jahre in dessen Chefredaktion, sowie Michalis Pantelouris, redaktioneller Mitarbeiter von GQ und GEO, unter Führung der Lebert Medienproduktion GmbH. Gestaltet wird es von Beda Achermann als Creative Director. Er war zuletzt für Männer Vogue und Donna in Italien verantwortlich. Als Autoren konnten unter anderem Axel Hacke und Erwin Koch gewonnen werden. Axel Hacke ist mit seiner Kolumne Streiflicht in der Süddeutschen Zeitung bekannt geworden. Erwin Koch schreibt Reportagen für die Zeit und den Spiegel sowie Romane.

 

 

Dummy macht schlau - Berliner Zeitung

Berliner Zeitung vom 13.12.2001

KATRIN VIERTEL

Dummy macht schlau

Entwicklungsredaktionen erarbeiten neue Zeitschriftenkonzepte.
Manchmal nur für den Papierkorb

Entwicklungsredakteure sind so etwas wie die Geheim-Agenten der Branche. Während Journalisten gerne auch nach Dienstschluss ihre Arbeit diskutieren, dürfen professionelle Zeitschriften-Erfinder nichts über ihre Projekte sagen. Konzepte für neue Blätter werden so geheim gehalten wie das Design eines neuen Autos.

Um in dem engen Markt noch Lücken zu finden, leisten sich alle großen Verlage kostspielige Entwicklungsredaktionen. Zur Organisation von Entwicklungsredaktionen pflegt jeder Verlag seine Philosophie. In einigen Häusern gibt es feste Redaktionen mit einer Stammbesetzung, die je nach Themenschwerpunkt durch freie Mitarbeiter ergänzt werden, in anderen wechselnde Projektgruppen. Mit Hilfe von Marktforschungsinstituten wird getestet, ob die neue Idee auch ankommt. Schließlich “kann man die Leute nicht fragen, was für eine Zeitschrift sie wollen”, erläutert Andreas Lebert, der einst das “SZ”-Magazin leitete und heute mit einer eigenen Firma Konzepte für Verlage entwickelt. Sein neuestes Baby: die Anfang November gestartete Frauenzeitschrift “Mom”. “Man kann nur durch die Marktforschung beurteilen lassen, was man bereits hat.” Bewertet wird ein nur zu diesem Zweck erstelltes Testexemplar, ein so genannter Dummy. Am Anfang steht entweder die Idee für eine Zeitschrift oder der Glaube an eine Marktlücke. “Das darf man nicht verwechseln”, so Lebert, “nur weil man glaubt, eine Marktlücke erspäht zu haben, hat man noch keine Idee für eine Zeitschrift.” Dazu bedarf es einer inhaltlichen Klammer – die zu finden, ist Aufgabe der Entwicklungsredakteure. Wie bringt man beispielsweise Themen aus Gesundheit und Lifestyle so zusammen, dass ein schlüssiges Heftkonzept entsteht?

Männer sind Verlagslieblinge

Die Mitarbeiter, die sich darum kümmern, sitzen meist nicht in den großen Verlagshäusern, sondern in gesondert für sie angemieteten Büros weit weg von der Verlagszentrale. Wer Entwicklungsredakteur wird, unterschreibt eine Schweigepflicht. Kein Verlag will sich in die Karten schauen lassen – man tut ständig so, als sei man kurz davor, den Markt komplett aufzurollen. Doch das ist meist Bluff. Denn viele Entwickler arbeiten öfter an nuancierten Verbesserungen einer Zeitschrift – wie etwa an der Darstellung des TV-Programmes – als am großen, nie vorher da gewesenen Wurf.

Viele Konzepte, an denen jahrelang herumgedoktert wird, sind nicht unbedingt zur Veröffentlichung gedacht. In diesem Fall funktionieren die Kreativ-Pools wie mobile Einsatzkommandos: reagiert wird nur im Ernstfall. Ein Beispiel: Wenn der eine Verlag heute ein Männermagazin aus dem Boden stampft, dann könnte der andere morgen auch eines haben. So legte zum Beispiel Peter Lewandowski, Ex-Chefredakteur des Männermagazins “Maxim” mit seiner Adaption des britischen Titels einen untypischen Parforceritt hin: Lewandowski hatte im Februar begonnen, an einer deutschen Ausgabe des britischen Magazins zu arbeiten und schon Mitte März begann die Produktion des ersten Hefts.

Einer der Gründe war offenbar der rasante Erfolg des Magazins “FHM” aus einem kleinen Münchner Verlag – dem wollte der große Springer Verlag die neu gefundene kaufkräftige Zielgruppe nicht überlassen. (Nebenbei: Der Chef von “FHM”, Uwe Killing, wird ab nächstem Frühjahr “Maxim” leiten.) Inzwischen sind Männer die Lieblingszielgruppe der Verlage. Für sie haben die Verlage einiges vorrätig, auch bei Gruner+Jahr soll an zwei Magazinen gearbeitet werden, eines davon soll komplett fertig sein.

Allen Markttests zum Trotz verweigert sich manchmal der Leser. Oft sind die Titel verschwunden, bevor die Probezeit der neuen Mitarbeiter abgelaufen ist. Immer seltener haben die Verlage Geduld mit ihren Objekten: So stellte der Burda-Verlag im Dezember vergangenen Jahres nach nur drei Monaten sein Nachrichtenmagazin für Frauen “Vivi@n” ein. Ob eine Zeitschrift erfolgreich ist, hängt nicht unbedingt vom Inhalt ab. Der Vertrieb sollte funktionieren, außerdem muss die Idee in die aktuelle Verlagspolitik passen. Wie viel kann für Werbung ausgegeben werden, wie viel Zeit wird dem Objekt gegeben, um sich durchzusetzen? Und inwieweit würde ein weiteres Millionengrab dem Image schaden?

Um die Kosten einer Neueinführung zu senken, werden Markttests durchgeführt. Das bedeutet, dass eine Zeitschrift zunächst nur in einem Bundesland mit einer repräsentativen Mischung aus Stadt und Land, arm und reich, Familien und Singles erhältlich ist. Gruner+Jahr zum Beispiel testet zurzeit “Mom” in Hessen. Das Produkt muss also auch nur dort beworben und vertrieben werden. Danach werden die Verkäufe und Leserreaktionen sowie das Interesse der Anzeigenkunden ausgewertet. “Ein regionaler Test kostet vergleichsweise wenig”, sagt Angelika Jahr, journalistisches Vorstandsmitglied und Verlagsgeschäftsführerin bei Gruner+Jahr. “Dass er genug Aussagekraft hat, haben wir im vergangenen Jahr beim Test von ,Living at Home‘ gesehen.” Die Zeitschrift wurde ebenfalls in Hessen getestet und im Oktober vergangenen Jahres bundesweit gestartet. Heute liegt die verkaufte Auflage bei rund 211 000 Exemplaren.

Lauern auf die Konkurrenz

Welche Idee wann verwirklicht wird, hängt zum einen von der Anzeigenlage ab. Ob “Living at Home” heute eine Chance hätte, ist fraglich. Zum anderen sind Neuerscheinungen auch auf dem Zeitschriftenmarkt Trends unterworfen. “Es gibt eine Halbwertzeit für Konzepte”, bestätigt Anatol Locker, Erfinder und Ex-Chefredakteur von “Bravo Screenfun”. “Eine Idee muss nicht nur ein ganzes Heftkonzept tragen, sie muss ,en vogue‘ sein: berichtenswert die News, zahlungskräftig die Anzeigenkunden und die Zielgruppe. Mit einem Internet-Titel oder einem Anleger-Magazin kann man heute nirgends landen.”

Der größte Teil der Neuentwicklungen kommt über das Stadium des Dummys nicht hinaus, sondern wird vorher beerdigt. Vielleicht, weil der Trend vorbei ist, vielleicht, weil auch die Konkurrenz ihre Pläne eingestellt hat. Selbstverständlich sickert in der kommunikativen Branche trotz Schweigepflicht der Redaktionen durch, welcher Verlag gerade an welcher Art Titel arbeitet. Dieses Forschen, Testen und Verwerfen macht Entwicklungsarbeit so teuer – und das Arbeiten als Entwickler oft frustrierend. “Das ist ein normaler Prozess”, schränkt Walter Dreher ein, Entwicklungs-Chefredakteur bei Gruner+Jahr, “wenn man das zweite Mal erlebt, wie ein Heft, das man entwickelt hat, nicht auf den Markt kommt, verzweifelt man auch nicht mehr.”

 

 

Der Sternengucker - W&V Nr. 7

W&V Nr. 7 vom 15.02.2002

HANJO SEIßLER

Der Sternengucker

Erstaunlich, wie sehr sich Andreas Lebert für Dinge begeistert, die „unsere Augen nicht sehen“. Er tut das, obwohl er ein Medienprofi ist.

Auf irgendeine Art hat dieser Mensch etwas, das an Albert Einstein erinnert – soweit dessen privates Verhalten bekannt geworden und überliefert ist. Das meint weder professorale Zerstreutheit noch vom Kopf strebende Haare oder den Körperbau und schon gar keine Menschenscheu. Es ist nichts Äußeres, Äußerliches, das ihn dem Relativitätstheoretiker ähnlich macht – also auch nicht, dass Andreas Lebert sechs Semester lang Physik studiert hat, bekennender Münchner ist und dass Einstein in eben dem Provinzhauptdorf aufwuchs.

Es ist ein eigener Hauch von schöpferischem Einfallsreichtum, von träumerischem Zupackenkönnen und von gelassener Getriebenheit, der Lebert umgibt, der seine Gesprächspartner manchmal an Einsteindenken lässt. Welchem anderen Autofahrer käme schon in den Sinn, sein Laster derart gekonnt zu verbrämen: „Wenn ich mit dem Wagen an einer Kreuzung stehen, an irgendeiner, an die mich der Verkehr verschlagen hat, könnt ich nach recht oder links – wurscht – abbiegen und nach Genua fahren.“ Das stimmt. Aber – hat er das oder Vergleichbares jemals getan? „Nein.“ Aha.

Statt planlos in die Ferne zu schweifen, guckt Lebert lieber in die Sterne. Was heißt hier „lieber“? Sobald er beginnt, von seinem „Teleskop im Garten meiner Mutter“ – vor den Toren Münchens – zu sprechen, wird ein anderer Mensch aus ihm. Der ohnehin nicht gerade leblos vortragende Erzähler legt noch einen Zahn zu. Er redet nicht allein mit dem Mund. Sein ganzes Gesicht – und darin in Sonderheit seine Augen – und seine Arme und Hände sind an solchen Vorlesungen – um nichts anderes dreht es sich – und Sätzen wie: „Ich sehe 300 Millionen Lichtjahre in die Vergangenheit“ heftig beteiligt.

Überwältigend, dem Mann, der „entweder in einer Großstadt oder richtig auf dem Lande, zum Beispiel wie fünf Jahre lang gehabt, in einem Weiler in Niederbayern, auf keinen Fall jedoch in einer Klein- oder Mittelstadt“ leben mag, zuzuhören, wenn er vom Weltall schwärmt. Und ihm dabei zuzusehen. „Ich erlebe die Geburt und den Tod von Sternen!“ Oder: „Das Bild, das ich durchs Teleskop sehe, zeigt mir das All, wie es vor 300 Millionen Jahren war.“

Selbstverständlich versäumt er nicht, naturwissenschaftlich Unbeleckten zu erklären, was ein Lichtjahr oder dergleichen ist. Und was sich, dem menschlichen Auge für gewöhnlich entzogen, im Gewölbe überm Erdball pausenlos ereignet. Auch wie schwierig und langwierig „die Suche nach einer Galaxie“ sei, wird er nicht müde , unter die Leute zu bringen.

Wie klein der Mensch ist und alles, was er tut, beleuchtet der Amateur-Astronom mit behutsam geschilderten Ansichten denen von „ganz zartem weißen Licht“ und „funkelnden Spiralen am klaren Himmel“. Stärker sind die Einsichten, zu welchen ihm das eingehende Betrachten des Firmaments verhilft: „Wer’s Weltall erforscht, weiß, welchen Blödsinn Typen wie der Ex-Präsident Jugoslawiens, Slobodan Milosevic, von sich geben, wenn sie von Groß-Serbien schwätzen.“ Groß-Serbien. Noch nicht mal ein Fliegenschiss im Weltenraum! Dass er das denkt – er sagt es nicht -, das ist ihm anzusehen.

In mache der geschärfte Blick nach oben so gelassen, dass eine Kollegin bereits zu ihm gesagt habe: „Immer, wenn du nach einem Wochenende aus dem Garten deiner Mutter kommst (wo Lebert teleskopiert, hjs), habe ich den Eindruck, du kämst aus einem langen, erholsamen Urlaub.“ Per Auge durch die Galaxien, wie schön.

 

 

Schwere Geburt - kress report Nr. 7

kress report Nr. 7 vom 15.02.2002

STEFAN WINTERBAUER

Schwere Geburt

für „Mom“. Die Entscheidung, ob das neue Frauenzeitschriftenkonzept, das Andreas Lebert für Gruner + Jahr entwickelt hat (kressreport 43/2001) kommt, ist nach wie vor „pending“, wie es so schön heißt. Die Ergebnisse des Markttests, der im Oktober in Hessen über die Bühne gegangen ist, seien gut und „ermutigend“. G + J-Pressesprecher Kurt Otto: „Allerdings lässt die angespannte Marktlage im Anzeigen-geschäft derzeit kaum eine präzise Prognose bezüglich der Einführung des Magazins zu. Aus diesem Grunde sind derzeit die Gremien im Hause auch nicht mit einer Mei-nungsbildung über Folgeaktivitäten bei „mom“ befasst. Nach kress-Infos will der Vorstand innerhalb der nächsten zwei Wochen endgültig entscheiden, ob das magazin kommt oder nicht. Mit einer publizistischen Niederkunft wäre aber nicht vor Herbst zu rechnen.

 

 

Im Schatten der Großen - Der Tagesspiegel

Der Tagesspiegel vom 03.04.2002

PIERO VENIO QUINQUE

Im Schatten der Großen

Viel gelesen, wenig geachtet: Dabei können sich Kundenmagazine mit so manchem Kiosk-Konkurrenten messen

Die Titelseite ist die halbe Miete. Das weiß jeder Blattmacher. Was in einer Zeitschrift steht, kann der potenzielle Käufer ja nicht wissen, wenn er durch den Kiosk schlendert. Vieles hängt also vom Titelbild ab. Wenn es gelingt, ihn damit anzusprechen, Interesse zu wecken, ihn dazu zu bringen, die Zeitschrift aus dem Regal zu nehmen, dann in die Tasche zu greifen, nach dem Portmonee zu fischen und damit zur Kasse zu gehen, dann hat der Blattmacher seine Arbeit gut gemacht. Doch es sind nicht nur Kaufzeitschriften wie „Bunte“, „Gala“, „Stern“ oder andere, die den Käufer mit jedem Heft von Neuem umgarnen müssen. Mit ansprechenden Titelbildern locken auch jene Zeitschriften, die gemeinhin gar nicht so richtig ernst genommen werden. Die Rede ist von Kundenzeitschriften – jene kostenlosen Hefte, die im Zug ausliegen, im Flugzeug, bei Tchibo, oder die man als unaufgefordert zugeschickt bekommt. Man blättert in ihnen gedankenloser als in anderen Zeitschriften. Dabei werden sie oft mit nicht weniger Ehrgeiz gemacht als „normale“ Magazine.
Rund 3300 Kundenblätter mit einer Gesamtauflage von 456 Millionen Exemplaren pro Erscheinungsintervall werden derzeit im deutschsprachigen Raum publiziert. Allein im vergangenen Jahr sind 148 neue Titel hinzugekommen.

Dahinter stecken profilierte Köpfe
Das Geschäft mit den Kundenmagazinen ist zudem lukrativ: Anfang der 90er Jahre gründete der Hamburger Verlag Gruner + Jahr für dieses Geschäftsfeld eigens eine Tochtergesellschaft: die G+J Corporate Media. Rund 15 Millionen Euro Umsatz habe die Firma im vergangenen Jahr erwirtschaftet, sagt deren Geschäftsführer Peter Haenchen. Und auch inhaltlich und optisch können sich die Kundenmagazine mit normalen Kaufzeitschriften messen lassen. Das Automagazin „Premium“, das G+J Corporate Media für die Premier Automotive Group (Jaguar, Aston Martin, Volvo) herstellt, wurde vom Branchenmagazin „Horizont“ kürzlich zum „Besten Kundenmagazin 2001“ gekürt, das „Lufthansa Magazin“ wurde mit dem Titel „Klassiker des Jahres“ ausgezeichnet.
Eine Kundenzeitschrift müsse qualitativ hochwertig sein, sagt Haenchen. Sie müsse gut gemacht und lesenswert sein, auf die Bedürfnisse des Lesers eingehen und Nutzwert haben. Solche Sätze könnten auch vom Chefredakteur einer normalen Kioskzeitschrift stammen. Und tatsächlich stecken hinter Haenchens Kundenblättern profilierte journalistische Köpfe: Das „Lufthansa Magazin“ zum Beispiel redigiert Klaus Liedtke, der zugleich der deutschen Ausgabe von „National Geographic“ vorsteht und früher Chefredakteur beim „Stern“ war. Bei G+J Corporate Media arbeiten außerdem ein ehemaliger „Spiegel“-Ressortleiter und ein früherer Chefredakteur von „TV Today“.
Den schmucklosen Zweckbau der G+J Corporate Media in der Hamburger Griegstraße kennt auch Eric Markuse: Bis vor einem Jahr war Markuse in der unmittelbaren Nachbarschaft noch stellvertretender Chefredakteur der „Hamburger Morgenpost“. Danach wurde er Unternehmenssprecher beim Mitteldeutschen Rundfunk in Leipzig: „Aber der Journalismus bleibt einem natürlich im Blut, da juckt es immer noch in den Fingern“, sagt er. Anstatt nervös zu kratzen, hat Markuse ein probates Mittel gegen seine Entzugserscheinungen gefunden. Die Monatszeitung „mittendrin“: Seit Januar erscheint „mittendrin“ mit einer Auflage von 200 000 Exemplaren im Sendegebiet des MDR. Das Layout hat kein geringerer erfunden als Zeitungsdesigner Mario Garcia. Vom ihm stammt auch die Optik von „Zeit“, „Wall Street Journal“, „Handelsblatt“ und „The Daily Star“.
„Als ich hier anfing, gab es eine zehnseitige Mitarbeiter-Broschüre, die denselben Namen trug, in kleinster Auflage“, sagt Markuse. „Ich habe mich damals gefragt, ob es sich lohnt, so viel Aufwand für ein Blatt zu betreiben, das nur wenige Menschen lesen.“ Diese Frage verneinte er. Die nächste Frage lautete: „Wie bekomme ich die Zeitung zu den Leuten?“ Markuse besann sich auf die Kooperation mit den örtlichen Lottogesellschaften bei der MDR-Sendung „Telebingo“ – nun gibt es die Zeitung kostenlos an 3000 Lottoannahmestellen im Sendegebiet. „Wir wollen diejenigen erreichen, die uns schon sehen und hören“, sagt Markuse. „Ihnen vermitteln wir Hintergrundinformationen. Wir wollen sie an die Programme binden.“

Ein Werbekugelschreiber ist teurer
Den Fernsehzeitschriften wolle man dabei keine Konkurrenz machen: „Aber leider ist es so, dass die Dritten Programme der ARD darin kaum vorkommen, erst recht nicht die Radiowellen.“ In „mittendrin“ wird auf den ersten vier Seiten ein Themenschwerpunkt präsentiert, im restlichen Teil wird die Programm-Palette „nach Interessenlage“ zusammengefasst. Sogar Regionalausgaben gibt es: Die Landesseiten für Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt werden von den Sprecherkollegen der Landesfunkhäuser bestückt, die Themen in Telefonkonferenzen besprochen. Bei rund 250 000 Euro liegt das jährliche Redaktionsbudget für „mittendrin“. Eric Markuse findet, dass das Geld gut investiert ist: „Der Zeitungsstückpreis liegt für uns bei zwölf Cent, ein Werbekugelschreiber würde 30 Cent kosten.“
Es gibt noch andere Berechnungen in der Welt des so genannten „Corporate Publishing“:Eine besagt, dass es zehn Mal teurer ist, einen Kunden zu gewinnen, als ihn zu halten. „Heutzutage sind Kundenmagazine das Schlüsselelement in der Unternehmenskommunikation“, sagt Thomas Schmitz. Seine Hamburger Agentur Schmitz.Komm.de entwickelt und betreut die Kunden-Publikationen von acht Unternehmen. Schmitz formuliert die Funktion von Kundenmagazinen so: „Sie machen aus etwas Abstraktem wie einem Unternehmen und seinem Selbstverständnis etwas sinnlich Erfahrbares, etwas zum Anschauen und Anfassen.“
Mitunter haben Journalisten bei Kundenmagazinen sogar mehr Spielraum als anderswo. Etwa um Experimente zu wagen, wie man am Unternehmensmagazin „EnergiePortraits“ (Energie Baden-Württemberg AG) sehen kann. Entworfen wurde der Titel von Andreas Lebert, Erfinder des „SZ-Magazins“ und branchenbekannter Entwickler journalistischer Formate. Die Idee: Spitzenjournalisten führen mit Unternehmern ausführliche Interviews, der Gesprächsinhalt füllt das gesamte Magazin. Das Prinzip: „Eine Person, ein Heft“.
Manche journalistische Idee würde auch einer ganz „normalen“ Kioskzeitschrift gut zu Gesicht stehen. So ist es nicht ausgeschlossen, dass Elemente aus einer Kundenzeitschrift von einem „Stern“, einer „Bunten“ oder einer „Gala“ übernommen werden und Kundenmagazine somit sogar eine Vorreiterrolle einnehmen.

 

 

Andreas Lebert wird Brigitte-Chef - Der Kontakter Online

Der Kontakter Online vom 4.07.2002

Andreas Lebert wird Brigitte-Chef

Die Suche nach einem Brigitte-Chefredakteur ist beeandet: Spätestens zum 1. Oktober übernimmt Andreas Lebert die Position, die nach dem Ausstieg von Beatrix Kruse offiziell vakant ist. Er wird gleichzeitig Chefredakteur des Brigitte-Ablegers Brigitte Woman. Eine Verbindung zwischen Lebert und dem Hause Gruner + Jahr gibt es bereits: Er hat mit seinem Münchner Unternehmen Lebert Medienproduktion für den Hamburger Verlag das Elternheft Mom auf Projektbasis entwickelt. Die Geschäftsführung seines Unternehmens wird Lebert aufgrund der neuen Aufgabe abgeben; es wird jedoch unter dem bisherigen Namen weitergeführt. Anne Volk, die die Leitung der Redaktion kommissarisch übernommen hatte, wird nach Leberts Antritt wieder Herausgeberin von Brigitte, Brigitte Woman und Brigitte Young Miss.

 

 

Andreas Lebert übernimmt Chefredaktion der "Brigitte" - W&V Online

W&V Online vom 04.07.2002

Andreas Lebert übernimmt Chefredaktion der “Brigitte”
Spätestens zum 1. Oktober wird Andreas Lebert neuer “Brigitte”-Chefredakteur.

Der 46-jährige, der bereits von 1986 bis 1989 Ressortleiter bei “Brigitte” war, ist derzeit Geschäftsführer seiner eigenen Medienproduktionsfirma. Die Geschäftsführung gibt Lebert ab.

Der stellvertretende Chefredakteur der Frauenzeitschrift “Brigitte” Boris Burauel, 38, verläßt die Redaktion.

Aus dem Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr war zu hören, Burauel wolle sich neuen Aufgaben widmen. Dieser arbeitete zuletzt als freier Autor in New York.

 

 

Neuer Mann an der Spitze von "Brigitte" - kress.de

kress.de vom 04.07.2002

Neuer Mann an der Spitze von “Brigitte” wird Andreas Lebert, 46. Der Journalist übernimmt spätestens zum 1. Oktober die Chefredaktion der Gruner + Jahr-Frauenzeitschrift. Derzeit wird die “Brigitte” kommissarisch von Herausgeberin Anne Volk, 58, geleitet. Sie hat das Ruder notgedrungen wieder übernommen, nachdem Beatrix Kruse, 37, sich mit der Redaktion überworfen hatte und abgetreten war (täglichkress vom 24. Mai 2002 ). Lebert kann gut mit “Brigitte”-Überfrau Anne Volk. Er kennt sie noch von seiner Zeit als “Brigitte”-Ressortleiter. Außerdem hat Lebert mit Volk bei der Entwicklung des Zeitschriftentests “Mom” zusammen gearbeitet. Lebert hat u.a. das “SZ Magazin” mit entwickelt und war auch schonmal Vize-Chefredakteur des “stern” unter Werner Funk. Für die “Zeit” hat Lebert das Ressort “Leben” konzipiert, was ihm den Spitznamen “Leben Lebert” eingeracht hat.

 

 

Andreas Lebert wird "Brigitte"-Chef - Spiegel Online

Spiegel Online vom 04.07.2002

Andreas Lebert wird “Brigitte”-Chef

Die führende deutsche Frauenzeitschrift “Brigitte” bekommt wieder einen Mann als Chefredakteur. Der Medienentwickler Andreas Lebert, Gründer des “SZ”-Magazins und der Jugendbeilage “Jetzt”, wird den Posten zum 1. Oktober übernehmen.

Hamburg – Ende Juni war die bisherige Chefredakteurin Beatrix Kruse nach nur einem Jahr im Amt wegen unterschiedlicher Auffassungen mit der Redaktion ausgeschieden. Daraufhin hatte die langjährige “Brigitte”-Chefin und derzeitige Herausgeberin, Anne Volk, erneut interimsmäßig die Leitung übernommen. Die 14-täglich erscheinende “Brigitte” verkaufte im ersten Quartal im Schnitt rund 863.000 Exemplare. Ein Jahr zuvor waren es noch 961.000 Hefte gewesen.

Der Medienentwickler Andreas Lebert, 46, soll nun antreten, um das marktführende deutsche Frauenmagazin wieder in auflagenstärkere Gefilde zu lenken. Zum 1. Oktober soll er den Posten übernehmen, gab das Verlagshaus Gruner + Jahr am Donnerstag bekannt.

Lebert war von 1986 bis 1989 Ressortleiter bei der “Brigitte”, gründete dann das “SZ-Magazin” und war dort Chefredakteur. Später konzipierte er die hoch gelobte “SZ”-Jugendbeilage “Jetzt”. 1996 ging er als stellvertretender Chefredakteur für kurze Zeit zum “Stern” und gründete 1998 eine Firma zur Entwicklung von Medienprojekten, die unter anderem die “Zeit”-Beilage “Leben” und ein neuartiges Müttermagazin für den Verlag Gruner + Jahr entwarf.

Mit Lebert sitzt nach Peter Brasch (1957 bis 1984) und Wolfhard Berg (1984/1985) zum dritten Mal ein Mann im Chefsessel der Frauenzeitschrift.

 

 

Lebert am Volant - taz

taz vom 05.07.2002

Lebert am Volant

Endlich sagt ein Mann Deutschlands Frauen wieder, wo es langgeht. Spätestens zum 1. Oktober soll Stefan Lebert “das Steuer unserer Brigitte in die Hand nehmen”, wie G+J-Zeitschriftenvorstand Rolf Wickmann das – außerordentlich männlich, wie wir finden – ausdrückt. Von Beatrix Kruse hatte man sich ja Ende Juni nach nur einem Jahr getrennt – wegen der berühmt-berüchtigten unterschiedlichen Auffassungen. Lebert war maßgeblich beteiligt an der Zeugung des SZ-Magazins, der SZ-Jugendbeilage jetzt, des Lebens der Zeit und – das sagt nun wirklich alles: an Mom, der G+J-Zeitschrift für junge Mütter. Das hat er offenbar so charmant gemacht, dass er jetzt auch die älteren Mütter – also so die 30- bis 64-jährigen – hofieren darf. Und mal ehrlich, wer hätte nicht gern das Steuer seiner Brigitte, Uschi oder Susi in der Hand – aber wo zur Hölle steckt das eigentlich?

 

 

„An Selbstbewußtsein zulegen“ - kress report Nr. 38

kress report Nr. 38 vom 20.09.2002

CHRISTIAN MEIER

„An Selbstbewußtsein zulegen“

Andreas Lebert über die Lokomotive „Brigitte“, den Frauenmarkt und Innovationen

Für einen Traumjob wechselt ein eingefleischter Münchner auch mal die Stadt: Seit Anfang September sitzt Andreas Lebert, 46, auf dem Chefsessel der „Brigitte“ (Gruner + Jahr) in Hamburg. Bei seiner eigenen Firma Lebert Medienproduktion bleibt der Blattmacher Gesellschafter. Leberts Aufgabe ist es, die besonders im Einzelverkauf angeschlagenen „Brigitte“ (801.574 verk. Exemplare) mit Herausgeberin Anne Volk nach der unruhigen Zeit unter Beatrix Kruse wieder aufzupäppeln. Im kress-Interview spricht Lebert über den „Brigitte“-Charakter und die Konkurrenz:
kress: Sie waren von 1985 bis Ende 1989 Ressortleiter bei „Brigitte“. Ist das ein Vor- oder Nachteil?
Lebert: „Brigitte“ hat eine sehr große Redaktion und ist ein sehr spezielles Blatt. Es ist darum nur von Vorteil.
kress: Ist Ihre Antwort ein Indiz dafür, wie schwierig es ist „Brigitte“ zu machen?
Lebert: Ja, das ist vielleicht so.
kress: Und was ist so schwierig?
Lebert: „Brigitte“ hat einen sehr eigenen Charakter. Dazu gehört, dass sie journalistisch hochseriös ist. Dieser Aspekt hat mich schon immer fasziniert. Das Blatt macht keine Versprechungen, die es nicht halten kann. Man hat es im Markt allerdings mit Blättern zu tun, die sich da nicht immer so gebunden fühlen, um es sanft zu formulieren. Uns muss gelingen, unsere journalistische Seriosität mit Sinnlichkeit, Lebensfreude und einer offensiven Haltung im Markt zu verbinden – das ist die Schwierigkeit.
kress: Sie haben über Stärken geredet. Wo sehen Sie zurzeit die Schwächen?
Lebert: Man merkt „Brigitte“ ein wenig die unruhigen Zeiten des letzten Jahres an. Das Blatt kann an Selbstbewußtsein wieder zulegen.
kress: Mit „Young Miss“ und „Brigitte Woman“ gibt es zwei Beiboote. Sind weitere denkbar?
Lebert: Das ist immer möglich, denn „Brigitte“ ein eine starke Marke. Im Moment sind wir gut aufgestellt.
kress: Der Markt hat sich verändert, seit Sie „Brigitte“ Ende 1989 verlassen haben. Was hat Sie beeindruckt?
Lebert: Ich habe großen Respekt vor „Glamour“. Das war allein schon durch das Format und wie damit umgegangen wird ein neues Konzept. Kein Vorbild für uns, aber wirklich innovativ.
kress: Verführt der harte Wettbewerb dazu, Erfolgsrezepte der Konkurrenz für „Brigitte“ zu nutzen?
Lebert: Der Marktführer darf nicht auf einen Zug aufspringen, sondern muss als Lokomotive arbeiten. „Brigitte“ ist harte Konkurrenz gewöhnt, so wie Bayern München. Wir können nur auf Konkurrenz reagieren, indem wir die eigenen Stärken betonen. ´Me-Too´ ist für „Brigitte“ keine Option. Eher ist es ja umgekehrt, nämlich dass „Brigitte“ auf manchmal freche Art kopiert wird.
kress: Sie waren für Innovationen immer zu haben. „Brigitte“ ist das Gegenteil von Innovation.
Lebert: Nein, das ist so nicht richtig: Wir erreichen eine große Menge von Leuten und dürfen entsprechend Veränderungen nur behutsam ins Blatt heben. Innovationen finden eher im Kleinen statt. Ist deshalb aber nicht weniger spannend.
kress: Und das langweilt Sie nicht?
Lebert: Überhaupt nicht.
kress: Können Sie über neue Ideen sprechen?
Lebert: Leider nicht. Die Konkurrenz schläft nicht. Nur eins: Wir werden „Brigitte“ nicht neu erfinden. Änderungen werden allmählich kommen.
kress: Der Frauen-Monatsmarkt war bisher der dynamischere. Jetzt kommt das 14-tägliche „Woman“. War das eine Überraschung?
Lebert: „Woman“ zeigt, dass im Markt Bewegung ist. Häufig täuscht man sich, wenn man denkt, das alles schon ausgereizt ist.
kress: Fehlt den Verlagen nicht der Mut zu neuen Formaten?
Lebert: Gruner + Jahr zeigt ja gerade diesen Mut. Grundsätzlich kann man es den Verlagen zurzeit nicht übel nehmen, dass sie nicht so innovativ sind. Es ist nicht die Zeit für Experimente.
kress: Ist das auch der Grund, warum Sie zu „Brigitte“ gegangen sind?
Lebert: Nein. „Brigitte“ zu machen ist sehr reizvoll und bei „Brigitte“ habe ich mit die schönsten Jahre meines Berufslebens verbracht.
kress: Vermissen Sie das Unternehmertum?
Lebert: „Brigitte“ ist ein so großer Kosmos, dass man sich schon fast als Unternehmer verstehen kann.

 

 

Brigitte fand einen Mann - Süddeutsche Zeitung

Süddeutsche Zeitung Nr. 228 vom 02./03.10.2002

RALF KLASSEN

Brigitte fand einen Mann

Seit über vier Wochen leitet Andreas Lebert die renommierteste Frauenzeitschrift – und träumt von gefühlsmäßiger Aktualität

Die Dame ist in die Jahre gekommen. Unübersehbar, diese Falten. Ein paar überschminkt, andere trotzig ertragen. Das Outfit? Nun ja, die jungen Dinger laufen anders rum. Das größte Problem ist allerdings: Fast nur noch die alten Freundinnen halten ihr die Treue. Jüngere kann immer weniger sie kaum noch für sich begeistern. Das schmerzt, und bringt der Dame namens Brigitte immer weniger Geld ein. In vielen solchen Fällen solle in Schönheitschirurg helfen. Oder: ein Psychologe. Seit kurzem hat Brigitte einen Mann.

SZ: Herr Lebert, wie wird man eigentlich Frauenversteher?

Lebert: Furchtbares Wort. Ich komme aus einem Haus, in dem beide Elternteile daheim gearbeitet haben. Das klassische Bild „Der Vater ist nicht da und die Mutter kümmert sich“, das kenne ich nicht. Weil beide freie Journalisten waren, habe ich Gleichberechtigung jeden Tag erlebt. Ich bin groß geworden mit einer Frau, die nicht nur Mutter war, sondern auch voll im Berufsleben stand. Später habe ich als Ressortleiter bei Brigitte erfahren, wie angenehm es ist, mit Frauen zu arbeiten. Und trotzdem würde ich mich nicht als Frauenversteher bezeichnen: Man versteht die eine oder andere, wie bei Männern auch.

SZ: Angenommen, es hätte nicht Sie selbst getroffen, sondern es wäre Ihnen erzählt worden. Gruner + Jahr mache einen Mann zum Chefredakteur der renommiertesten Frauenzeitschrift Deutschlands: Was hätten Sie da gedacht?

Lebert: 1988 hätte ich gesagt: merkwürdige Entscheidung. Damals war es noch sehr wichtig, mit solch einer Entscheidung auch ein politisches Signal zu setzen. 2002 sind wir, wie ich finde, schon etwas weiter. Das politische Signal, das Brigitte aussendet, muss sich nicht in Formalitäten erschöpfen. Und trotzdem hätte ich die Frage gestellt: War denn da keine Frau zu finden?

SZ: Und? War da keine?

Lebert: Ich weiß, dass Gruner + Jahr, die Herausgeberin Anne Volk und der Redaktionsbeirat natürlich auch eine Frau gesucht haben. Aber bei der Entscheidung für mich spielte eine große Rolle, dass ich das Blatt kenne. Und auch noch einen großen Teil der Redaktion.

Ein Zimmer mit Aussicht zum Hafen gilt in der Hackordnung von Gruner + Jahr als Respektbeweis. Insofern ist der schöne Raum, den der Chefredakteur der Brigitte im Hamburger Verlagshaus am Baumwall sein Eigen nennt, ein Zeichen jenes Stellenwertes, den das Blatt genießt. Lässig, aber nicht cool, sitzt der Neue da, gehüllt in das Outfit aller wahren Kreativen, einen dunklen Anzug mit schwarzem T-Shirt. Seit vier Wochen ist der Sohn der Journalistin Ursula Lebert, die seit den Fünfzigern für Brigitte schreibt, im Amt. „Er lässt viel miteinander reden“, heißt es im Flurfunk.

SZ: Was hat Sie an Brigitte gereizt?

Lebert: An erster Stelle die große Seriosität des Blattes. Beispiel: Der Aufwand, den wir für jedes Rezept betreiben, mit dreifachem Kochen und Vorab-Check mit Leserinnen. In dieser Art wird mit allem bei Brigitte umgegangen: Reportagen, Wissenschaftsberichte, Modestrecken, Hoteltipps. Diese Form von Seriosität ist heute relativ selten.

SZ: Vielleicht, weil sie nicht mehr so gefragt ist? Beim Blick auf die Konkurrenz hat man den Eindruck, dass nicht mehr die exakte Mehlmenge für den Pflaumenkuchen wichtig ist, sondern Glamour, Blitzdiäten und Sextipps.

Lebert: Sicher, auch die Brigitte muss auf die Zeiten, in denen wir leben, reagieren. Aber der Marktführer kopiert nicht. Er setzt eigenen Schwerpunkte. Das Stichwort „Verjüngung“, das sonst gerne bei Chefredakteur-Wechseln fällt, werden Sie hier nicht hören.

SZ: Klingt zu schön, um wahr zu sein.

Lebert: Natürlich sind mir auch junge Leserinnen wichtig, das ist ja selbstverständlich. Aber wir bleiben erwachsen. Brigitte erreicht 3,8 Millionen Leserinnen und Leser. Es ist doch reizvoll, diesen Neuentwicklungen, diesem Feuerwerk von Kleinteiligkeit, die Stärken des Klassikers entgegen zu setzen, nach dem Motto: Hier kannst Du was lesen…

SZ: Brigitte hat in den vergangenen fünf Jahren 15 Prozent Auflage verloren.

Lebert: Wenn Sie den Markt anschauen, ist es nicht verwunderlich, dass die Brigitte angeknabbert wird. Trotzdem liegt sie noch sehr gut in den Marktanteilen. Und sie hat mit den Beibooten Young Miss und Brigitte Woman eine erfolgreiche Erweiterung betrieben. Ich bin optimistisch, dass wir die Auflagen halten und ausbauen können.

Lange Zeit galt Andreas Lebert, 46, als einer der kreativen Köpfe der deutschen Medienlandschaft. Der Quereinsteiger erfand das SZ-Magazin, die Jugendbeilage Jetzt und die Zeit-Beilage Leben, er entwickelte Jung-Mutter-Zeitschrift Mom und eine TV-Lottoshow, Bei Gruner + Jahr, wo er jetzt glänzen soll, war er freilich vor über fünf Jahren als Vize-Chefredakteur des Stern gescheitert.

SZ: Manche der derzeitigen Hefte könnten auch 1996 produziert sein.

Lebert: Wir leben in einem solch großen Grundrauschen von Aktualität, dass man mit der Brigitte in einer Sackgasse landen würde, wenn man nur darauf setzt. Sie kann schon aus Produktionsgründen nicht so zeitnah sein wie andere. Anders ist es mit der gefühlsmäßigen Aktualität, dem Eindruck, zur rechten Zeit die richtigen Geschichten im Blatt zu finden. Da, denke ich, können wir etwas zulegen – und unsere Kompetenz bei Gesellschaft, Politik, Medizin oder Wissenschaft noch deutlicher sichtbar machen.

SZ: Brigitte hat sich stets als Speerspitze bei sozialen Veränderungen empfunden. Da kommt seit Jahren eher wenig…

Lebert: Bei diesem Punkt kann sie wieder zulegen. Brigitte hatte das Pech, dass sie ausgerechnet im vergangenen Jahr, mit großen Themen wie 11. September und Krise der New Economy, die ja auch viele Frauen betroffen haben, eine redaktionell schwierige Phase durchlief. Das Blatt war mehr mit sich selbst beschäftigt als sonst. Jetzt wird unser Sendungsbewusstsein nach außen wieder stärker.

Eine üble Geschichte, die nach dem freiwilligen Rückzug der langjährigen Chefredakteurin Anne Volk über die Redaktion herein brach. Die Nachfolgerin Beatrix Kruse fand die Zugang zum Blatt, es kam zum offenen Dissens. Kruse ging, Volk übernahm kommissarisch – bis am 1. September Lebert kam.

SZ: In der New Economy haben Sie mit My favourite book.com, einem Internet-Buchverlag, einen Flop gelandet.

Lebert: Das war ein neues, gutes Konzept, basierend auf der Old Economy, aber die Verkaufsplattform war das Internet. Gestartet ist es drei Wochen nach dem 11. September – Pech.

SZ: Sie haben also die heraufziehende Medienkrise früh wahr genommen.

Lebert: Aus meiner Haltung zum Leben heraus würde ich sagen: Tut auch mal ganz gut. Da war ja ein einziges riesiges Wachstum und man hätte sich ausrechnen können: So kann es nicht endlos weiter gehen. Ich glaube, dass Teile der Krise durchaus struktureller Natur sind. Hausgemacht, wenn Sie so wollen.

SZ: Was meinen Sie damit?

Lebert: Es ist ein Abstand eingetreten zwischen der wirklichen Welt und der virtuellen Welt der Medien. Es gibt Menschen, vor allem in der Prominentenszene, von denen man das Gefühl hat, sie lebten nur noch in der virtuellen Welt. Sie können ihre Lebenssituationen erst dann wahrnehmen, wenn in der Zeitung darüber berichtet wird.

 

 

Tägliche Begleiterin - W&V 43

W&V 43 vom 25.10.2002

THOMAS FORSTER

Tägliche Begleiterin

Fünf Jahre nach dem Start von Brigitte.de hat Gruner + Jahr Optik und Inhalt überarbeitet. Werbepakete, ein neuer Service für Kleinanzeigen und Paid Content sollen für mehr Umsatz sorgen. Ziel von „Brigitte“-Chef Andreas Lebert und Antje Dittrich (G+J Woman New Media): die Nummer eins.

Hübsch gewandet zeigt sie sich , die kleine Schwester der großen alten Dame Brigitte. In unaufdringlichen Rottönen macht sie im Netz eine gute Figur, auch wenn die Zahl ihrer und Verehrer nicht ausreicht, um den papierenen Vorbild die Schau zu stehlen. „Eine Begleiterin durch den Tag“ will Brigitte.de sein. So formuliert es Antje Dittrich, Geschäftsführerin von G+J Woman New Media.

Ein gehöriges Wort mitzureden hat der Mann an Brigittes Seite – also ihr Schwager gewissermaßen. Und der weiß, was Frauen wünschen: „Wichtig ist Seriosität, egal ob es um Reportagen, Mode oder Hoteltipps geht“ sagt der frisch angetraute Chefredakteur Andreas Lebert, der bereits von 1985 bis 1990 als Ressortleiter bei dem Magazin mitgearbeitet hatte.

Für G+J Woman New Media, zu der auch Brigitte.de gehört, geht ein anstrengendes Jahr zu ende: Im Januar wurde YoungMiss.de überarbeitet, im Juni Eltern.de und im August Brigitte.de. ebenfalls im Juni ging Elternforfamily ans Netz.

Fünf Jahre nach ihrem Start am 29. Oktober 1997 steht natürlich die kleine Cyber-Brigitte bei Gruner + Jahr im Mitttelpunkt. Happy-Birthday-Anzeigen in Brigitte, die bei einer Auflage im 3. Quartal von 834 822 Exemplaren fast vier Millionen Leserinnen und Leser erreicht, weisen ebenso wie Banner auf das Jubiläum hin. Ein eingeklebter Leporello promotet einzelne Teile des Web-Aufttritts und lobt einen Smart („Fahrspaß für ein Jahr“), Motorroller und Reisen aus. Wie bisher engagiert sich Brigitte auch 2002 bei den Einsteiger-Seminaren der Reihe „Frauen ans Netz“ in rund 150 Städten.

Vieles hat sich in den fünf Jahren verändert, nicht nur das Erscheinungsbild. Statt zwei pflegen heute vier Redakteure sowie vier weitere Mitarbeiter die Seiten. 22 statt sechs Rubriken sind zu betreuen, 1400 Rezepte und 40 Tests zu Themen wie Gesundheit und Partnerschaft. Hinzu kommen 56 Foren, 14 500 Community-Mitglieder, 19 000 Newsletter-Abos und Shops. Dort brummt das Geschäft, wie Antje Dittrich versichert: Allein im September zählte sie 13 300 Transaktionen.

150 000 Leseranfragen im Jahr

20 Prozent der Erlöse steuern die elektronischen Läden inzwischen bei. Zur Auswahl stehen CDs, Bücher, Kleidung und sogar Möbel. „Dabei hilft uns die hohe Glaubwürdigkeit von Brigitte“, ist Dittrich überzeugt. Beispiel Kochen. Brigitte steht für hohe Seriosität: Die Rezepte werden dreimal ausprobiert und vorab mit Leserinnen diskutiert. Umgekehrt profitiert Brigitte vom Internet: Bereits acht Prozent der Abos werden über das Web abgeschlossen. Mittlerweile, so Lebert, laufen außerdem rund 30 Prozent der jährlich 150 000 Leseranfragen per E-Mail ein.

Auch sonst wird den 290 000 Unique Userinnen, die meist zwischen 20 und 49 Jahre alt sind und ein Hochschulstudium vorweisen können, alles geboten, was man von einer klassischen Frauenzeitschrift erwartet. Im Love Channel findet man /vielleicht) den Mann/die Frau fürs Leben, das Horoskop gibt Auskunft, wie die Sterne stehen. Modetipps, Rezepte und ein Psycho-Ratgeber sowie Rubriken wie Job & Finanzen, Kreativ & Wohnen und Kultur & Unterhaltung mit einem Ticket-Service runden das Angebot ab. Neu ist „Tipps & Trends“, eine Sparte, die ein- bis zweimal täglich aktualisiert wird. Leserinnen und Leser finden hier Meldungen und Servicehäppchen, Sinnsprüche und ein Schwerpunktthema.

„Brigitte.de“ ist am Heft angelehnt und macht Lust auf das Internet durch Aktualität, Datenbanken, Service und Community“, betont Dittrich. Damit die Kommunikation zwischen Print und Online klappt, nimmt Brigitte.de an den wichtigsten Heft-Konferenzen teil. Lebert: „Die Brigitte-Redaktion akzeptiert die Online-Kollegen schon deshalb, weil Brigitte.de aus der Print-Redaktion heraus entstanden ist.“

Deshalb verweisen nicht nur Anzeigen aufs Web. Zusätzlich wird in jeder Ausgabe auf einer Seite berichtet, was es Neues bei Brigitte.de gibt. Die „Verschränkung“ ist nötig, denn die Mitbewerber bleiben nicht untätig: Zur größten Rivalin von Brigitte.de avanciert Amica Online, gefolgt von Freundin. Allegra und Elle ergänzen den Reigen der IVW-geprüften Frauen-Portale. Obwohl Lebert und Dittrich mit der inhaltlichen Entwicklung zufrieden sind, wollen sie an mehreren kleinen Schrauben drehen. Nach einer Positionierungsanalyse steht Brigitte.de vor allem für Information. Etwas unterhaltsamer soll es künftig auf den Seiten schon zugehen, wünschen sich die Chefs. Laut Chart der Geschäftsführerin hieße das, zumindest ein Stück weit in Richtung Amica und Allegra vorzudringen.

Gleichzeitig möchte man an der nachrichtlichen Aktualität arbeiten. So schrieb anlässlich der „Fashion Week“im September eine Brigitte-Mitarbeiterin von New York aus ein Online-Tagebuch. Das dient auch dazu, die Besucher(innen) noch öfter auf die Seiten zu locken – und so den Zweikampf an der spitze klar für sich zu entscheiden.

Zwei bis drei Crosmedia-Pakete

Im Oktober schrieb der Dienst Journalismus.com den Hamburgern ins Stammbuch: „Obwohl sie sich um Aktualität bemüht: Brigitte.de überzeugt als Freizeitlektüre, nicht aber als tägliche Begleiterin.“ Stolze 400 000 Unique User will Brigitte.de bis Ende 2004 erreichen. Dann soll die Website profitabel sein.

In der Vermarktung hat sich Stan Sugarman einiges vorgenommen. Der Leiter Multimedia bei G+J will im Jahr zwei bis drei Crossmedia-Pakete schnüren, die, so Sugarman, „individuell ausgehandelt“ werden. Ein Beispiel ist Beiersdorf. Die Hamburger schalteten im Umfeld von „Trends & Tipps“ in Heft 15 eine Anzeige für ihre Marke Nivea. Von Anfang Juni bis Mitte August lief online in der Rubrik „Gesund & Fit“ eine eigens gestalteter, hochgezogener Banner (Skyscraper), der für das Finale der Beachvolleyball German Masters am Timmendorfer Strand trommelte.

Um die Verbindung von Print und Online zu stärken, bietet G+J ab Januar an, die Kleinanzeigen für 50 Cent das Stück ins Web zu übernehmen. Die sind über eine Suchmaschine nach Rubrik und Stichworten durchsuchbar.

Paid-Content-Angebote sind für Anfang 2003 in Planung. „Denkbar sind alle Bereiche, in denen Brigitte über eine hohe Kompetenz verfügt, wie bei Ernährung und Diäten“, so Lebert. „Ab einer bestimmten Beratungstiefe“ möchte Sugarman die User zur Kasse bitten. Die kleine Brigitte hat schließlich nichts zu verschenken.

 

 

Für eine Handvoll Euro - Neue Zürcher Zeitung

Neue Zürcher Zeitung vom 28.06.2001

JOACHIM GÜNTNER

Für eine Handvoll Euro

Die neuen Wonnen des Autorendaseins

In einer Sache voll und ganz das letzte Wort zu behalten: Wie sehr haben wir uns das immer gewünscht, wie oft haben wir es probiert – und wie selten ist es uns gelungen. Scharen von Leidensgenossen wissen wir uns verbunden. Doch Abhilfe winkt. Beim Internet-Dienstleister “my favorite-book.com” kann jetzt ein jeder loswerden, was zu sagen ihn (oder sie) bedrängt, ohne Einsprüche fürchten zu müssen. Und um den Triumph vollständig zu machen: Es wird ein Buch daraus . . .

Animierend tönt es aus den spektakulären, ganzseitigen Inseraten in Zeitungen und Illustrierten, mit denen “my-favorite-book” um Zusendungen buhlt: “Sie sind der König der Hypochonder? Her mit Ihren Leidensgeschichten! – Sie haben einen Krimi im Kopf? Schiessen Sie einfach los!” Als Leiter einer Werbeagentur hat Bernd Kreutz grosses Aufsehen mit einer Kampagne erregt, die zum Nutzen eines Energiekonzerns die ergreifend sinnlose Kunde verbreitete, Strom sei gelb. Nun, als Gründer von “my-favorite-book”, rührt Kreutz an unsere empfindsamen Seelen mit der Botschaft, dass in jedem Menschen “eine Buchidee schlummert”. Er ahnt das Leiden verkannter Autoren an hartherzigen Verlagen, denn er kennt die durchschnittliche Ablehnungsquote für Manuskripte (“95 Prozent”), und mit scharfem Blick analysiert er das Grundgefüge des Buchmarktes: “Im klassischen Verlagswesen stehen Setzer, Verleger und Buchhändler zwischen dem Autor und seinem Leser.”

Lauter Hindernisse, die nicht sein müssten. “Wir überspringen diese Stationen”, verspricht “my-favorite-book”. Der Autor darf Verleger spielen. Er muss nur seinen Text als entsprechend formatierte, fürs Desktop-Publishing vorbereitete elektronische Datei liefern, die Korrekturfahnen prüfen und für den Druck freigeben, dann kümmern sich Kreutz & Co. um Buchherstellung, Werbung und Vertrieb. Dank Layout am Bildschirm entfällt der klassische Setzer; jede technisch ausgereifte Anlage für Book-on-demand-Verfahren besorgt heute den digitalen Druck und eine simple Klebebindung; der Vertrieb via “Internet-Shop” und Postversand umgeht den Buchhandel. Die verlegerische Entscheidung über die Annahme des Titels liegt beim Urheber, und Einsprüche seitens eines Lektorates sind nicht zu befürchten, da es dem Verfasser überlassen bleibt, ob er ein solches in freier Mitarbeit beschäftigt. Schluss mit dem Masochismus, wie er in Huldigungsadressen an Verlagslektoren zutage tritt. Ralf Rothmann, Schriftsteller im Hause Suhrkamp, meint gar, der Text müsse “oft sogar vor seinem Autor in Schutz genommen” werden – durch den Lektor. Kreutz & Co. hingegen haben erkannt, worauf es ankommt: “Das letzte Wort haben Sie!” Das ist die wahre Lockspeise für Möchtegernliteraten.

Bei anderen Ködern hegen wir Zweifel ob ihrer Tauglichkeit. Gewiss ist das “einheitliche und klare Erscheinungsbild”, welches allen unter dem Label von “my-favorite-book” erscheinenden Büchern einigen soll, ihrer Entwicklung zum “Markenartikel” zuträglich. Aber sollte das Publikum wirklich auf den ersten Blick sehen können, wann es mit einem Werk Marke Eigenbau konfrontiert ist? Zumal Redaktoren und professionelle Rezensenten fassen dergleichen mit spitzen Fingern nur an, um es auszusortieren. Und dann das Autorenporträt, das halbseitig vorn auf dem Umschlag prangen soll: Zucker für das geltungssüchtige Ego des Verfassers – wie jedoch, man verzeihe die politisch inkorrekte Frage, steht es um die abschreckende Wirkung des einen oder anderen Konterfeis? Durchweg lobenswert indes dünkt uns die Entscheidung für eine Buchausstattung mit “schmutzabweisender Einbanddecke”. Das empfiehlt die Bände immerhin für die Lektüre im Freien, zwischen Picknickkorb und Sonnenöl. Sensationell mutet das Autorenhonorar an: 50 Prozent vom Netto-Verkaufspreis, wo doch herkömmlich nur um die 10 Prozent üblich sind.

Miesepeter werden einwenden, dass “my-favorite-book” dafür aber auch den Autor mit einem Unkostenbeitrag von 5700 Euro, zahlbar im Voraus, zur Kasse bittet. Na und? Schliesslich gilt er ja jetzt als Verleger seiner selbst, und Verlegen, so viel weiss jeder alte Branchenhase auftrumpfend zu berichten, kommt von Vorlegen. Rund fünfhundertmal müsste sich ein Titel verkaufen, damit der Autor-Verleger seine Auslagen einspielt; von da an, rechnen Kreutz & Co. vor, “macht er bereits Gewinn”. Aber selbst wenn niemand das Werk ersteht, bleibt der Verfasser nicht ohne Ertrag. Hundert Belegexemplare sind in jedem Fall sein Eigen. Hundert Hardcover mit schmutzabweisendem Einband und Porträtfoto, hundert Zeugnisse dafür, einmal in einer Sache das letzte Wort behalten zu haben. Hundert Triumphe für umgerechnet 57 Euro das Stück. Ein fairer Preis, wie uns scheint.

 

 

Maria im Puff - Der Spiegel

Der Spiegel Nr. 22 vom 28.05.2001

HANS-JÜRGEN JAKOBS

Maria im Puff

Ein bekannter Werber und ein ebensolcher Journalist investieren Millionen in einen Traum: Jeder Autor kann sein eigener Verleger sein. Eine Schnapsidee?

Die Geräusche des modernen Kopierdruckers faszinierten den Starwerber aus Düsseldorf. “Tschu, tschagga, tschagga, rätta, rätta, bumm”, machte es, erinnert sich Bernd Kreutz, 51: “Nach wenigen Minuten war aus hohen Papierstapeln ein fertiges Buch geworden.”

Der Ausflug in die Maschinenwelt vor einem Jahr, am letzten Tag der weltgrößten Druckmesse Drupa, hatte schwere Folgen für das Leben des gelernten Schriftsetzers.

Seitdem bastelte der Agenturchef mit einer zehnköpfigen Projektgruppe an einem Geschäftsmodell, das Bücher, neue digitale Drucktechnik, Internet und Marketing zusammenbringen soll.

Die Antwort ist seit Tagen auf großflächigen Anzeigen zu sehen: My-favourite-book.com. “Wir machen aus Ihrem Manuskript einen Markenartikel”, versprechen die Inserate.

Nähere Aufklärung leistet die angegebene Internet-Adresse. Für die Summe von über 11 000 Mark, steht da, erhält jeder Buchautor 100 Exemplare seines Werks. Alle Bücher würden ähnlich aufgemacht, mit dem Foto des Schreibers auf der halben Umschlagseite. Der Verkauf läuft übers Internet, Druck und Logistik übernehmen eingeführte Firmen, die Marke My-favourite-book sowie einzelne Titel sollen groß beworben werden. Der Clou: Jeder Schreiber erhalte 50 Prozent der Erlöse – üblich sind im Buchmarkt rund 10 Prozent.

Die Aktion mutet wie der abenteuerliche Versuch an, mit den Mitteln des Marketings aus dem Nichts eine Branchengröße zu zaubern. Denn sowohl in den USA, wo das ähnlich gelagerte Xlibris 1998 startete, als auch beim deutschen Buchgrossisten Libri und dessen Tochter “Books on demand” sind solche Projekte bisher ein Minigeschäft geblieben.

Dem Kreativen Kreutz aber traut man vieles zu – und er sich selbst am meisten. Der gebürtige Stuttgarter hat es immerhin geschafft, mit einer Werbekampagne für den baden-württembergischen Energieriesen EnBW den Strom zum bundesweiten Markenartikel zu machen – die unsichtbare Ware war in seinen Anzeigen auf einmal gelb. So wurde “Yello” zum Begriff.

Das Kunststück, das Kreutz in einem 300-Seiten-Buch rühmte, soll sich nun in eigener Sache wiederholen. “Schon oft wurde darüber geredet, dass im Internet jeder sein eigener Verleger sein kann – wir machen es”, doziert er in seiner Düsseldorfer Agentur, rollt den obligatorischen Halfzware-Tabak zur Zigarette und steckt sie auf ein schwarzes Mundstück: “Es geht um eine neue Art des Publizierens.”

“Wir setzen auf das Medium Buch, aber nicht als Internet-Start-up”, assistiert Programmchef Andreas Lebert, 45. Der frühere Chefredakteur des “SZ Magazins” und einstige zweite Mann des “Stern”, der inzwischen für Verlage Zeitschriften entwickelt, wirkt als kreativer Sparringspartner des Agenturchefs.

Zum Sortiment sollen Romane, Dokumentationen, Wissenschaftliches und Nutzwerttitel gehören, egal wie gut oder schlecht geschrieben, Hauptsache zwischen 100 und 600 Seiten lang. Kitsch sei willkommen, sagt Kreutz, “Gartenzwerge gehören ja auch zu Vorgärten”. Nur Pornos, Nazi-Prosa und Gewalt werden strikt abgelehnt. Eine Chance sehen die Neu-Verleger bei frustrierten Möchtegernschriftstellern – Kreativität werde von Verlagen oft verkannt.

An potenzielle Autorenkunden haben Kreutz & Co. kürzlich ihr Erstlingswerk geschickt, ein Sammelband mit Buchideen. Dort schlägt Hamburgs Justizsenatorin Lore Maria Peschel-Gutzeit eine Fibel über Methoden für die Flucht aus dem Gefängnis vor, Axel Hacke das Pädagogikbuch “Hackes Großer Erziehungsberater” sowie Springer-Kolumnist Franz Josef Wagner einen Großstadtkrimi (“Maria im Puff”), in dem ein Polizist einer polnischen Prostituierten verfällt.

Viele aus der Hundertschaft der Autoren kommen aus dem Umfeld des in der Journalistenszene beliebten Lebert, etwa auch dessen Sohn Benjamin, der mit “Crazy” einen Bestseller landete und schon als Kind Romane geschrieben hatte. Eines dieser Werke schenkte ihm der Vater zum achtjährigen Geburtstag – er hatte es selbst binden lassen. Häufig laufen solche Projekte über Selbstverlage, in denen gern eitle Autoren veröffentlichen, die ihrer Umwelt ein Geschenk für die Ewigkeit machen wollen und dafür bis zu 30 000 Mark “Druckkostenzuschuss” zahlen.

Ob Kreutz & Co. in diesem Umfeld mit dem zur Buchmesse im Oktober geplanten Marktstart wirklich der große Wurf gelingt, gehört zu den derzeit am meisten diskutierten Fragen der Branche. Die meisten sind skeptisch: Ohne den Buchhandel als Partner fehle es an Verkaufschancen, ohne Lektoren mangele es an Qualität.

“Milchmädchen wird Verleger”, hämt der “Buchreport”. Chefredakteur Bodo Harenberg redet von einer “kleinen Flamme, auf der die kochen”. Angesichts von jährlich rund 70 000 Neuerscheinungen werde ein wirklich gutes Buch bei einem der etablierten Verlage landen, glaubt er, “da bleibt nichts ungedruckt”.

Solche Kritik lässt die Neu-Verleger kalt. Intern kalkulieren sie mit 500 bis 1000 Autoren fürs erste Jahr – das würde zehn Millionen Mark Umsatz bedeuten. Zum Programm gehört etwa die Autobiografie der 78-jährigen Müllerstochter Josefa Drechsler aus dem Bayerischen Wald. Ihre Familie zahlt die 11 150 Mark Startkosten.

Initiator Kreutz selbst hat viel Geld in die werbefreudige Firma gesteckt, die bereits zwei Millionen Mark verschlang: “Es gibt keine unternehmerische Tätigkeit ohne Risiko.” Im Boot seien einige private Geldgeber, erklärt er, die beteiligten sich an einer Holding, die weitere Projekte dieser Art bei Musik, Fotos und Film hochziehen wolle – ein noch tollkühnerer Plan.

Namen will Kreutz partout nicht nennen, nur so viel verrät das Werbegenie: “Die sind dabei, um langfristig Geld zu verdienen.”

 

 

Ich schreibe, also bin ich - Die Woche

Die Woche vom 26.10.2001

HELMUT ZIEGLER

Ich schreibe, also bin ich

Wir drucken (fast) alles: Mit diesem Modell will My favourite book den Buchmarkt aufmischen. Nun liegt das erste Programm vor:

“Ihr Liebesleben spricht Bände? Wir drucken Sie alle.” Mit Sprüchen wie diesem – verbreitet auf großflächigen, farbenfrohen Anzeigen in Zeitungen und Magazinen – warb im Frühjahr My favourite book. Das war die erste Stufe: Neugierde wecken.

Wer die angegebene Internet-Seite www.my-favourite-book.com aufsuchte, erfuhr: für 5700 Euro (rund 11.400 Mark) druckt die Firma 100 Bücher ohne Qualitätskontrolle, dafür mit dem Foto des Autors auf der Titelseite. Angeboten und beworben wird das Werk via Internet, nach Bestellung übernehmen renommierte Firmen Druck und Auslieferung. Das Beste: Von jedem verkauften Werk erhalten die Autoren als ihr eigener Verleger 50 Prozent –statt der auf dem Buchmarkt üblichen 10 Prozent. Das war die zweite Stufe: Information.

Die dritte Stufe, Präsentation, wurde jetzt gezündet. Auf der Frankfurter Buchmesse stellte die Mannschaft um den Werbeprofi Bernd Kreutz (51, früher Yello-Strom) und Andreas Lebert (45, früher Chefredakteur des “SZ-Magazins”) 30 erste Titel vor. Das Spektrum ist breit gefächert: Aufsätze zum Thema Design versus Kunst, Romane über psychiatrische Insassen, Essays zur Genetik, Pflanzenkunde, Kochrezepte für 15 Personen, Interviews mit Juden der zweiten und dritten Generation, die gesammelten Weihnachts- und Neujahrsansprachen deutscher Staatsmänner, ein Thriller über Investoren und Autobiografisches von der Porno-Actrice Gina Wild.

My favourite book befriedigt zwei Arten von Bedürfnissen. Die der Autoren, endlich basis-demokratisch mit einem auch haptisch ansprechenden Band (Hardcover, Lesebändchen) zur schreibenden Mehrheit zu gehören. Und die der Macher, welche der halbseidenen Branche der “Druckkostenzuschuss”-Verlage eine moderne Variante abgewonnen haben. Nach einem Jahr soll sich der Verlag selbst tragen. Und m Gegensatz zu den anderen Dienstleistern arbeiten sie auch programmatisch: Zumindest unter den Autoren der ersten Stunden finden sich überproportional viele Werbetexter und Journalisten. Bleibt die Frage nach den Bedürfnissen der Leser.

Von jedem Buch stellt My favourite book eine zehnseitige Leseprobe ins Netz. Diese Länge entspricht in etwa jener, die bei herkömmlichen Verlagen als Gradmesser dafür gilt, ob ein Manuskript Interesse findet. “Eine Seite, fünf Seiten, maximal zehn” lese sie, sagt etwa Kerstin Gleba, bei Kiepenheuer & Witsch zuständig für Autoren wie Sibylle Berg oder Benjamin von Stuckrad-Barre. “Es sei denn, der Text ist gut. Das passiert aber selten.”

Die Woche hat nach diesem Arbeitsmuster einige der Veröffentlichungen von My favourite book einer Prüfung unterzogen.

 

 

Die neue Mutti-Zielgruppe - kress report Nr. 43

kress report Nr. 43 vom 26.10.2001

STEFAN WINTERBAUER

Andreas Lebert und Gruner + Jahr sind guter Hoffnung: Mit dem neuen Magazin “Mom” will der Verlag das Segment Frauen- und Familienzeitschriften verbreitern.

Die neue Mutti-Zielgruppe

hat Andreas Lebert zusammen mit der Münchner Verlagsdependance von Gruner + Jahr entdeckt. Beide Elternteile freuen sich über den neuen publizistischen Wonne-proppen “Mom”, der vom 2. November an in Hessen getestet wird. “Mom” soll etwas ganz Neues sein. Eine Mischung aus junger Frauenzeitschrift und Lebenshilfe für eine Generation “Mom”, die nach einer neuen Zeitschrift lechzt, die ihre Lebenswirklichkeit zwischen Kind und Karriere widerspiegelt.

Die Voraussetzungen für das Projekt sind nicht schlecht. Leberts Entwicklungsteam wurde von “Miss Frauenzeitschrift” herself, Anne Volk, beraten. Die G + J Marktfor-schung hat herausgefunden, dass die Zielgruppe zwischen zweieinhalb und drei Mil-lionen Leser stark ist. Das Durchschnittsalter, in dem Frauen ihr erstes Kind zur Welt bringen, ist in den vergangenen Jahren von 25 auf 29 Jahre gestiegen. Gleichzeitig wachsen immer mehr Kinder statt in klassischen Familien in nichtehelichen Lebens-gemeinschaften auf. Die Zahl der sogenannten Patchwork-Familien wächst. G + J wittert die neue Zielgruppe. An “180.000 bis 230.000” von ihnen würde Volker Breid, 39, Verlagsgeschäftsführer G + J München, langfristig gerne eine “Mom” verkaufen. Das Testheft hat ein außergewöhnliches Ausklapp-Cover. Zunächst sieht man nur die Frau. Ausgeklappt kommt auch das Kind komplett zum Vorschein, das sie betont lässig in der Armbeuge hält. Für Lebert ist das die optische Umsetzung seines Konzepts: Die Frau steht bei “Mom” im Mittelpunkt, aber das Kind gehört dazu (siehe Interview auf der nächsten Seite). Bei dem Test in Hessen werden ca. 35.000 Exemplare zum Copypreis von 4 Mark in den Verkauf gegeben, 160 Seiten stark. Die Hamburger Werbeagentur Baader Hermes/Y & R wirbt dafür mit Funk-Spots und City-Lights. “Der Test läuft etwas über einen Monat. Parallel dazu findet weitere Marktforschung statt. Die Mischung aus beiden Ergebnissen wird entscheidend sein, ob “Mom” bundesweit kommt oder nicht”, sagt Breid.

Die Chancen dafür stehen gut. Die neuen Mütter versprechen ein gutes Geschäft, an dem auch Lebert mitverdienen will. Sollte “Mom” den Markttest bestehen, wird er als aktiver Herausgeber an Bord bleiben. G + J und Lebert wollen das Magazin dann gemeinsam monatlich herausbringen. Magazin-Konzepte, die das Potenzial haben, im verstopften deutschen Zeitschriftenmarkt zu bestehen, findet man nicht alle Tage. G + J will damit seine Marktführerschaft bei den Frauen- und Familientiteln ausbauen und zementieren. In München ist “Mom” deshalb auch gut aufgehoben, gleich neben “MarieClaire” und der Institution “Eltern”. Trotz der Nähe soll “Mom” etwas ganz Eigenes werden. Breid: “Es sind keine Synergien erkennbar.” Und wer übernimmt die Chefredaktion? Da muss man wirklich erst den Test abwarten. Nur soviel steht fest: Ein Blatt wie “Mom” kann nur eine Frau glaubwürdig leiten.

 

 

"Mom"- eine Zeitschrift für moderne Mütter - Der Tagesspiegel Online

Der Tagesspiegel Online vom 26.10.2001

“Mom”- eine Zeitschrift für moderne Mütter

Von Freitag kommender Woche an testet Gruner + Jahr in Hessen eine neue Frauenzeitschrift. “Mom” wird sie heißen, vier Mark kosten und sich an Mütter richten, und zwar an moderne Frauen, die Kinder und Beruf verbinden. Der ehemalige Leiter des “SZ-Magazins”, Andreas Lebert, hat sie entwickelt und würde Herausgeber von “Mom”, die langjährige “Brigitte”-Chefin, Anne Volk, hat ihn beraten.

 

 

"Mom’s Dschungelbuch" - kress report Nr. 43

kress report Nr. 43 vom 26.10.2001

“Mom’s Dschungelbuch”

kress:
Warum sollen junge Mütter an den Kiosk laufen und “Mom” kaufen?

Andreas Lebert:
Weil “Mom” wirklich neu ist. “Mom” ist eine Frauenzeitschrift, keine Eltern-Zeitschrift. Das ist das Wichtigste. Nicht das Kind steht im Mittelpunkt, sondern die Frau, die ein Kind hat – oder darüber nachdenkt, eins zu bekommen. Das haben die Leserinnen in den Gruppendiskussionen sofort gemerkt – und sehr begrüßt. “Mom” ist nicht ideologisch, kennt keinen erhobenen Zeigefinger. “Mom” hat gute Nerven und Humor. Die Zeitschrift bildet ein neues Lebensgefühl der Frauen ab.

kress:
Beschreiben Sie dieses neue Lebensgefühl.

Lebert:
Die Mütter heute wollen von den ideologischen Debatten der 70er, 80er und 90er Jahre nichts mehr wissen. Sie bekennen sich zu ihrer Mutterrolle, wollen aber auch Freude am Leben als Frauhaben. Egal ob Job oder nicht, ob verheiratet oder alleinerziehend, ob sie Bachblüten einwerfen oder Ecstasy. Sie haben’s nicht leicht. Aber sie schaukeln das Kind.

kress:
Wie unterscheiden sich die Inhalte von “Mom” und “Eltern”?

Lebert:
Mom gibt keine Tipps á la, was mache ich, wenn das Baby Pickel am Po hat. Es gibt keinen Service wie in “Eltern”. Aber es gibt einen großen Serviceteil für die Frau, die als Mutter einen mitunter abenteuerlichen Alltag zu bewältigen hat: “Mom’s Dschungelbuch”. Da steht drin, wie sie es organisieren kann, trotz Kind ins Kino zu gehen, wie sie als Frau attraktiv bleiben kann, worauf im Job zu achten ist und so weiter …

kress:
Gibt es neben dem Service auch Lesegeschichten?

Lebert:
Klar gibt es die! Das reicht von einer Geschichte, wie Madonna ihre Mutterschaft sieht über die heimlichen Sehsüchte der Väter bis zu einem Portrait einer DJane in Berlin, die eine kleine Tochter hat. Und eine verheiratete Mutter erzählt von ihrem Seitensprung.

kress:
Bei “Mom” haben Sie nach Ihrer “Brigitte”-Zeit mal wieder mit Anne Volk zusammengearbeitet. Wie war das Wiedersehen?

Lebert:
Mit Anne Volk zusammenzuarbeiten ist immer großartig. Sie fand unser Konzept von Anfang an schlüssig und gut.

 

 

"Hier in Hessen sind wir richtig" - Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Nr. 47 vom 25.11.2001

THORSTEN WINTER

“Hier in Hessen sind wir richtig”

“Mom”-Chef Lebert über sein neues Blatt

FAS:
Sie sind Chefredakteur des neuen Frauenmagazins “Mom”. Das Heft wird in Hessen getestet. Warum ausgerechnet hier?

Lebert:
Die Marktforscher betrachten Hessen als eine Art Miniaturausgabe Deutschlands. Stadt- und Land-Verteilung, Altersschnitt, Leseverhalten – in diesen Punkten ist Hessen am ehesten mit der gesamten Bundesrepublik zu vergleichen. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie “Mom” im ganzen Land ankommt, sind wir hier genau richtig.

FAS:
“mom” richtet sich an Frauen, die Mütter sind oder werden wollen, ihr Leben genießen und Freude am Kind haben. Was bieten Sie diesen Frauen Besonderes an?

Lebert:
Erstmal ein Heft, das es so noch nicht gibt. Bisher gibt es Eltern- und Frauenzeitschriften. “Mom” ist eine Zeitschrift für Mütter, in der die Frau im Mittelpunkt steht und nicht das Kind.

FAS:
Bei anderen Frauenzeitschriften ist das doc h auch so.

Lebert:
Aber es steht nicht die Mutter oder die Frau, die sich mit dem Gedanken trägt, ein Kind zu bekommen, im Mittelpunkt. Es ist ein großer Unterschied, ob Sie als dreißigjährige berufstätige Frau ein Kind haben oder nicht. Ob Lifestyle, Kultur oder Information, als Mutter nähern Sie sich fast allen Themen auf andere Weise.

FAS:
Können Sie das beschreiben – Sie als Mann?

Lebert:
Als Mann und Vater. Ein Kinoabend ist für eine Mutter mit ziemlichem Aufwand ver-bunden. Entweder bleibt der Mann zu Hause, passt auf das Kind auf, dann ist sie ohne ihn unterwegs. Wenn beide ins Kino gehen wollen, brauchen sie einen Babysitter. Also einfach zu sagen, komm, wir gehen mal schnell ins Kino, das kann man vergessen. Auch an Beruf und Karriere gehen Mütter anders heran als Frauen ohne Kind, weil die Mutter immer mit der Unberechenbarkeit der Situation rechnen muss. Das heißt, was die Mutter, oder die Frau, die Mutter werden will, im “Mom” findet, ist das Aufgreifen eines spezifischen Lebensgefühls.

FAS:
Peilen Sie eine besondere Zielgruppe unter den Müttern an?

Lebert:
Nein. Mütter leben in unterschiedlichsten Situationen. In der klassischen Familie, der Patchworkfamilie, als Alleinerziehende, als berufstätige oder nicht berufstätige Mütter. “Mom” respektiert all diese Lebensformen. Die Zeitschrift befasst sich nicht mit der Frage, wie die perfekte Mutter auszusehen hat.

FAS:
Das Heft zeigt eine Frau in einem unspektakulären Blümchenslip, die einen Bauansatz hat. Treten Sie gegen die Fitneß- und Waschbrettbauch-Ideologen an?

Lebert:
Ja, wir haben attraktive Frauen im Heft, aber nicht im Sinne einer Modelattraktivität. Wir respektieren, dass jede Frau gut aussehen will. Aber ein Bild zu zeichnen, das Frauen nur nervös macht, weil sie ständig vorgeführt bekommen, wie sie nicht aussehen, das ist nicht unsere Sache. Das überlassen wir anderen.

 

 

Vaterfreuden für Gruner + Jahr - kress.de

kress.de vom 25.10.01

Vaterfreuden für Gruner + Jahr:

Andreas Lebert bringt “Mom” an die Frau. Am 2. November startet der Markttest für die neue Frauenzeitschrift “Mom”. Zunächst werden in Hessen rund 35.000 Hefte in den Verkauf gebracht. 160 Seiten stark, zum Copypreis von 4 Mark. Das Konzept kommt von Andreas Lebert, der das Projekt im Auftrag von G+J realisiert. Zielgruppe von “Mom”: Selbstbewusste Frauen bis 39, die gerade Mutter geworden sind oder mit dem Gedanken spielen, Mutter zu werden.

 

 

Ran an die Mutti - kress.de

kress.de vom 25.10.2001

Ran an die Mutti

will Andreas Lebert zusammen mit Gruner + Jahr. Am 2. November startet der Markttest für die neue Frauenzeitschrift “Mom”. Zunächst werden in Hessen rund 35.000 Hefte in den Verkauf gebracht. 160 Seiten stark, zum Copypreis von 4 Mark. Mit “Mom” will Lebert eine ganz neue Zielgruppe ansprechen: selbstbewusste Frauen bis 39, die gerade Mutter geworden sind oder mit dem Gedanken spielen, Mutter zu werden. Nach gut einem Monat wird geschaut, ob “Mom” die Erwartungen seiner Eltern erfüllt. Wenn ja, kommt die neue Mami monatlich bundesweit an den Kiosk. Lebert bleibt dann als aktiver Herausgeber an Bord. Alles zu “Mom” und zur Zielgruppe der neuen Muttis steht im neuen kress report. Am besten gleich abonnieren. (sw)

 

 

Gruner + Jahr launcht Zeitschrift für Mütter und solche, die es werden wollen - Horizont Nr. 44

Horizont Nr. 44 vom 25.10.2001

Gruner + Jahr launcht Zeitschrift für Mütter und solche, die es werden wollen

Am 2. November fällt der Startschuss für die neue Frauenzeitschrift “Mom”. Doch vorerst wollen die Herausgeber Gruner + Jahr und die Lebert Medienproduktion das an junge und moderne Frauen gerichtete Heft nur testen, denn die 35.000 bis 40.000, 4 Mark teuren Exemplare sollen zunächst nur in Hessen über die Ladentheke gehen. Dort wird der Test von einer von der Hamburger Agentur Baader, Hermes, Y&R entwickelten Einführungskampagne begleitet.

Die Zielgruppe von “Mom” sind selbstbewusste Mütter und solche, die es werden wollen. Das Motto der rund 160 Seiten starken Zeitschrift lautet: “Mutter sein und Frau bleiben”. Entwickelt wurde das Heft von der Lebert Medienproduktion, unter Mithilfe von “Brigitte”-Verlegerin Anne Volk.

 

 

100 noch nicht geschriebene Bücher - Welt am Sonntag

Welt am Sonntag vom 24.06.2001

MAREIKE FALLET

100 noch nicht geschriebene Bücher

Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, ein Buch zu schreiben? Es kommt doch fast jedem die Darüber – könnte – ich – eigentlich – mal – schreiben – Idee. Die Journalistin Lisa Feldmann hat sie wahrgemacht, fragte 100 prominente (z.B. Giovanni di Lorenzo, Erwin Teufel oder Felix Huby) und weniger prominente Menschen (Schüler, Studenten oder einen Reisenden), welche Gedanken sie veröffentlichen würden. Herausgekommen sind “100 noch nicht geschriebene Bücher” (My favourite Book) – eine Textsammlung mit Einfällen zu gruseligen Krimis, ungewöhnlichen (Auto-)Biografien, noch nie da gewesenen Ratgebern oder abgedrehten Wissenschaftsabhandlungen. Da will die zwölfjährige Schülerin Elsa Bachmeyer über das Leben ihres Großvater schreiben oder Schauspieler Joachim Tomaschewsky über die Aids-Problematik in Afrika. Und was bei vielen nicht fehlen darf: Geschichten über die Liebe. Nett und kurzweilig zu lesen, für den einen oder anderen vielleicht eine Anregung, selbst schriftstellerisch tätig zu werden – obwohl bei nicht allen der 100 potenziellen Buchautoren verständlich ist, worüber genau und warum sie gern schreiben würden.

 

 

Posterboy am Wickeltisch - Frankfurter Allgemeine Zeitung

Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 272 vom 22.11.2001

MONIKA OSBERGHAUS

Posterboy am Wickeltisch

Balsam auf Mutters Seele: “Mom” hat alles im Griff

Genau, denkt man, wenn man morgens mit dem Kinderwagen an dem Plakat vorbei-hetzt, genau. “Wir sind wir, und ich bin ich.” Auch Mütter sind Frauen, jawohl. Da steht diese große schlanke Frau mit dem Babybündel im Arm, müde sieht sie aus, aber glücklich, irgendwie erfüllt, verletzlich und trotzdem selbstbewußt. Und sexy, das ist die Hauptsache. Sie wirbt für die neue Zeitschrift “mom” – “für Mütter und andere Frauen”.

Die “anderen Frauen” könnten bei der Lektüre leicht neidisch werden. Denn dank “mom” wird ihnen klar, auf wie vielen Gebieten Mütter ihnen etwas voraushaben.

Sie sind zum Beispiel viel erotischer als ihre Geschlechtsgenossinnen. “Aber dann entdeckt man beim Einkaufen diese italienischen Traumstielettos” schwärmt die Autorin des Auto-Testberichts, “und weiß, dass sie an den Füßen einer dreifachen Mutter noch toller aussehen als an einer Single-Thirty-Something.” Was für ein Glück, denkt sich die Leserin, die soeben von der “Single-Thirty-Something” zur “Single-Mother-Thirty-Something” avanciert ist – ein Auto ist zwar nicht mehr drin, aber wenigstens sehen die Stielettos toller aus. Die Nicht-Mütter müssen sich nicht ärgern; weiter hinten im Heft steht ausführlich, wie sie per künstlicher Befruchtung ihren nicht so tollen Zustand verändern können.

Mit “mom” spricht Gruner + Jahr die Zielgruppe an, die sich bisher beim Zeitschriftenkauf zwischen Frau und Familientier entscheiden musste: die Mutter von kleinen Kindern, die sich nicht auf diese Rolle reduzieren lassen will. Natürlich konnte sie die “Vogue” durchblättern, wen ihr nach geballter Weiblichkeit zumute war. Aber darin fand sie gewiß nicht den kleinen mit Aktenzeichen versehenen Hinweis, dass sie ein Recht darauf hat, den Kinderwagen im Hausflur abzustellen. Ziemlich wichtig, wenn sie mit ihren Stielettos nicht schon im Flur stehen bleiben und sich mit dem Hausmeister herumärgern möchte.

Das erste Heft ist ein einziges hemmungsloses Lob auf die Mütter. Man könnte auch sagen, hier schleimt sich jemand bei ihnen, die ja sonst nicht viel Anerkennung erfahren, mächtig ein. Nun gut, sie haben es wohl verdient, vor allem die erwerbstätigen Mütter, die Powerfrauen, die alles im Griff haben und dabei noch attraktiv aussehen, Bücher lesen und nie den Humor verlieren. Einige Artikel sind in diesem halb-frechen, augenzwinkernden Duktus geschrieben, der der Leserin das Gefühl vermittelt, die wahre Heldin des Alltags zu sein. Aber daneben gibt es auch intelligente, informative Stücke mit mehr Substanz.

Ihre liebste Leserin ist den “mom”Gestaltern die intelligente, erfolgreiche, erwerbstätige Mutter ohne größere Geldsorgen, die deshalb auch ein fest umrissenes Ziel für die vielen Anzeigen im Blatt abgibt. Zusammen mit der Streichel und Schmeichelwerbung ist das ganze Heft Balsam auf die Seele der Verkannten Mütter. Es tut gut, ein ganzes Heft voll Bestätigung durchzublättern, dabei beschwingt fotografierte Modestrecken anzuschauen, auf denen Kinder ganz selbstverständlich nebenbei im Bad auf der Toilette sitzen dürfen.

Ansonsten keine Schminktips und nur ein einziges Kochrezept. Daß die Schicksals-genossinnen auf den glänzenden Seiten durchweg ausgeschlafener wirken, schlanker sind und ihren höher bezahlten Job besser mit dem Kind vereinbaren können als die Leserin, dergleichen kennt man ja. Beklemmender muß die Lektüre schon für die Nur-Mütter sein, die kaum vorkommen. Bestimmt hat “mom” nichts gegen Hausfrauen, im Gegenteil – jede Mutter sollte eine haben. Darum auch das Preisausschreiben: Wer die richtige Lösung einschickt, kann eine Haushälterin für ein Jahr gewinnen. Unsere Postkarte war im Briefkasten, noch bevor wir die Story über die Ehefrau gelesen haben, die einmal pro Woche ihren Geliebten trifft, und das will viel heißen

Auch die beste Idee des Blattes ist nicht ganz vollkommen, aber nahe dran: der Pin-Up-Boy für den Platz über’m Wickeltisch. “Das brauchbare Ding” steht über dem Foto, auf dem ein Jungmann mit nacktem Oberkörper einen sehr potent aussehenden Fön schwingt. Der Text nennt seine Körpermaße, preist aber auch den Fön als Wickelutensil zum Trocknen des Babypopos an. Leider lässt sich das Bild nicht ohne Schaden aus dem Heft heraustrennen. Aber da Mütter immer gerne noch besser sein wollen, wird “mom” sich gewiß für das Dezemberheft etwas einfallen lassen.

 

 

Warum entdeckt mich keiner? - Frankfurter Allgemeine Zeitung

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.06.2001

TILMAN SPRECKELSEN

Warum entdeckt mich keiner?

Natürlich gibt es das auch: Eine alleinerziehende Mutter mit dem Drang zur Literatur schreibt fieberhaft an einem Manuskript, das sie zahlreichen Verlagen anbietet. Alle lehnen ab. Schließlich erbarmt sich einer und macht mit dem Buch das Geschäft seines Lebens. Die Autorin wird weltberühmt und schwer reich. Und plant sechs Fortsetzungen ihres “Harry Potter”.

Die Vorstellung, eine ebenfalls von dem Lektoraten verkannte Joanne K. Rowling zu sein, treibt Tausende in die Arme einschlägig bekannter Zuschussverlage. Die Unternehmen werben in Anzeigen um Autoren,die bereit sind, die Druck und Verlagskosten ihrer Bücher zu einem großen Teil selbst zu tragen und dafür oft mehr als 10000 Mark zu entrichten. Fast alle versprechen sorgfältige Prüfung der eingesandten Manuskripte, doch allzu streng scheint das Lektorat mit den Texten nicht ins Gericht zu gehen: Es herrscht ein ausgesprochen weiter Literaturbegriff, in dem neben gereimtem vor allem das Genre der Erinnerungsliteratur gepflegt wird.

Das fertige Buch wäre im Zeitalter von Laserdrucker und avanciertem Copyshop in vielen Fällen für die Autoren wohl in vergleichbarer Qualität auch billiger zu haben, nicht aber das Gefühl, endlich, beim zwanzigsten Anlauf; die Herzen eines Verlagslektorats erweicht zu haben. Erweicht? Nein, es sei die Qualität des jeweiligen Textes, die den Verlag so überzeugt habe, dass man gar nicht anders könne als dringend zur Publikation zu raten. Nur müsse man sich das verlegerische Risiko eben mit dem – noch – unbekannten Autor teilen, der wiederum durch Eigeninitiative für einen gehörigen Absatz und damit für den – zumindest teilweisen – Rückfluss des eingesetzten Geldes sorgen könne.

So lautet die Standardargumentation der Verlage, denen seit einigen Wochen ein Konkurrent erwachsen ist, der genau diese Suggestion vermeidet: In großartigen und teuren Anzeigen wirbt das Düsseldorfer Unternehmen “My favourite book” um Autoren, die ihre Manuskripte publiziert sehen wollen: “Ihr Liebesleben spricht Bände? Wir drucken sie alle”, heißt es da oder: “Sind sie der König der Hypochonder? Her mit Ihren Leidensgeschichten!” Die betont launige Ansprache – außer den genannten Themenvorschlägen fordert der Verlag auch Bekenntnisse, Dissertationen, Vorlesungsskripte, Ratgeber, Tagebücher, Gedichtbände oder Krimis an – vermeidet jeden Anschein von Auswahl oder gar strenger Prüfung der eingehenden Manuskripte.

Hier kann offenbar jeder publizieren, solange er dafür bezahlt: “Sie haben Ihre erste Million gemacht? Leisten Sie sich jetzt ein eigenes Buch”, heißt es unverblümt in den Anzeigen, die in großen Tageszeitungen und Nachrichtenmagazinen erschienen sind. Auf der Website des Verlags wird es dann konkreter: Für 5.700 Euro wird das Manuskript gesetzt, ins Verlagsprogramm aufgenommen und vertrieben, wobei der Autor satte fünfzig Prozent des Nettoverkaufspreises erhalten soll – hundert Freiexemplare gibt es für ihn auch, wie hoch die Auflage insgesamt sein wird, bleibt allerdings offen.

Hinter dem Unternehmen stehen der Werber Bernd Kreutz, der einst farbigen Strom verkaufte, und der Journalist Andreas Lebert, der dem Magazin der “Süddeutschen Zeitung” vorstand und der “Zeit” das brandneue, mittlerweile schon wieder erneuerungsbedürftige Ressort “Leben” verpasste. Geht das Konzept auf, wollen sie expandieren: Geplant sind Firmenzweige wie “My favourite movie” oder “My favourite music”, die vermutlich alle aufsammeln sollen, die von den großen Film- oder Plattenstudios hartnäckig boykottiert werden. Die ersten Bücher sollen jedenfalls zur Frankfurter Buchmesse erscheinen. Wenn das Unternehmen die gewiss hohen Kosten der ersten Werbekampagne wieder einspielen kann, wird interessant sein zu sehen, wer die Zeche zahlt: die Leser oder die Autoren.

 

 

Unter Strom - W&V Nr. 16

W&V Nr. 16 vom 20.04.2001

PATRIZIA ZUGMANN

Unter Strom

Die Liberalisierung des Markts stellt ganz neue Herausforderungen an kommunale Kundenblätter

Ein Magazin, das keines ist

Völlig aus dem Rahmen fallen die Energie Portraits, das Unternehmermagazin der EnBW. Pro Ausgabe wird eine Person vorgestellt. Ein heftlanges Interview, für das auch schon mal Hellmuth Karasek die Fragen sellt und prominente Fotografen künstlerische Schwarz-Weiß-Bilder liefern. “Es ist ein Kulturmagazin oder hat zumindest denselben Anspruch”, sagt Norbert Jaeger. Generalbevollmächtigter Marketing und Kommunikation bei der EnBW. Schließlich gehe es um Unternehmens- und Unternehmerkultur. Die vorgestellten Persönlichkeiten sollen die Firmenphilosophie transportieren – allerdings nur in übertragenem Sinn, denn Energie in der Bedeutung von Strom wird umdefiniert in Energie in Form von Tatkraft. Jaeger: “Die vorgestellten Unternehmerpersönlichkeiten gehen Dinge mit Energie an, das heißt mit Entschlossenheit, mit Mut, mit Dynamik. Sie haben Gestaltungsphantasie und Gestaltungswillen, sie verkörpern eine Werte-Haltung und vertreten selbstbewußt eine Meinung.”

Tiefere Beziehung

Der Versorgerbetrieb selbst tritt im ganzen Heft nicht in Erscheinung, weder mit seinen Produkten noch als Marke. Lediglich im Titel und im Impressum steht “EnBW”. “Das Unternehmen geht mit den Menschen, mit denen es zu tun hat, mehr ein als eine bloße Kauf- und Verkauf-Beziehung. Wenn die EnBW dabei in guter Erinnerung bleibt, haben wir viel erreicht”.

 

 

Jenseits der Breikrise - Berliner Morgenpost

Berliner Morgenpost vom 18.11.2001

MAREIKE KNOKE

Jenseits der Breikrise
Zeitschriftenzwitter: Mom will Mütter ansprechen, aber kein Elternmagazin sein

Wer denkt sich eigentlich Zeitschriftentitel aus? Angeblich Leute, die dabei immer nur an die Leser denken. Dabei kommen dann Titelwie Mens’ Health heraus. Das kann man zwar nicht aussprechen – und wenn doch, hat man dabei eine feuchte Aussprache – aber die Auflage soll es förderlich sein. Ähnlichen Erfolg wünscht sich Gruner + Jahr jetzt für eine neue Zeitschrift namens Mom. Für Frauen, die “Mutter sind und solche, die es werden” und trotzdem “Frau bleiben wollen” – trotz Breikrisen und Windeldepressionen.

Nicht, dass es viele deutsche Kinder gäbe, die ihre Mutter “Mom” nennen. Doch auf dem Cover dieser neuen Mütterzeitschrift steht nicht Mama oder Mami, weil das in einer Welt der Anglizismen uncool klänge und niemand vier Mark dafür bezahlen würde. “Da denkt man an ein geschlechtsneutrales Muttchen, und so will sich keine Frau fühlen, nur weil sie ein Kind bekommen hat”, glaubt Andreas Lebert, der Mom entwickelt hat und Gruner + Jahr als herausgebenden Verlag gewinnen konnte.
Man habe den Namen getestet und er sei “sehr gut angekommen”.

Dass Lebert zweifacher Dad ist – um bei den Anglizismen zu bleiben – , dürfte keine Rolle dabei gespielt haben, ihn für das jüngste G + J-Kind zu qualifizieren. Eher die Tatsache, dass er unter der mittlerweile legendären damaligen Chefredakteurin
Anne Volk Ressortleiter bei der Frauenzeitschrift Brigitte war. Und Volk berät ihn jetzt bei Mom. Lebert machte sich später mit Lebert Medien selbständig und konzipierte u.a. vor zwei Jahren die Zeit-Beilage “Leben” neu.

Der Münchner will in den letzten Jahren einen neuen Frauen-Typ ausfindig gemacht haben: “Ohne Illusionen darüber, ob sie den Spagat zwischen Beruf und Familie perfekt hin bekommt. Mit einer stoischen Ruhe und dem nötigen Selbstbewusstsein
ausgestattet.” Doch was will Mom den Leserinnen erzählen, was einschlägige Ratgeber wie Eltern, Eltern for Family oder Familie & Co nicht schon hundertmal abgedruckt haben?

Die drei Platzhirsche von Gruner + Jahr (Eltern, Eltern for Family) beziehungsweise Axel Springer(Familie & Co) erzielen mit Erziehungstipps ganz ordentliche Auflagen zwischen rund 160 000 und 400 000 Stück. G + J wäre trotzdem nicht gut
beraten, sich im eigenen Haus Konkurrenz zu machen, zumal auch Eltern überwiegend von Frauen gelesen wird. Das wollen die Verlagsstrategen wohl auch nicht, sondern fahnden nach einer Marktlücke. In der Eltern-Redaktion vermutet man lediglich eine kleine Schnittmenge an Leserinnen die Mom dem Familienheft
abspenstig machen könnte.

Bei Mom, sagt Lebert, gehe es nämlich nicht um die perfekten Möhrchen fürs bekömmliche Breichen oder ums Zähnekriegen und das übliche Vater-Mutter-Kind-Schema, sondern die Frau mit ihren Bedürfnissen nach Liebe, Lust, Mode und Wellness stehe im Mittelpunkt. Die lieben Blagen kommen hier nur am Rande
vor.

Das klingt nach einer stinknormalen Frauenzeitschrift mit ein bisschen Baby-Geschrei zwischen den Zeilen. Lebert sieht das natürlich anders:“Frauen, die Job und Kinder unter einen Hut bekommen müssen, haben andere Themenschwerpunkte und Interessen als ihre kinderlosen Single-Genossinnen.” Das kann Frau auf 150 Seiten nachlesen – wenn ihr nach einem anstrengenden Tag zwischen Job und quengeligen Kleinkind nicht vor Müdigkeit die Augen zufallen: Bekenntnisse von Single-Frauen, die jetzt und sofort ein Kind wollen; ein Bericht
über den “Koran und die Frauen” und Madonna als Mutter. Auch die Kindsväter kommen zu Wort und klagen: “Ich möchte wieder Mann sein, nicht nur Vater”.

Bebildert ist das alles mit zum Teil recht ansprechenden Fotos. Und die Models auf den Modeseiten sehen nach normalen Frauen aus, nicht nach Kate Moss. Einen Ratgeber-Teil gibt es auch – ohne Erziehungstipps, dafür mit Infos zum Thema Job,
Kunst, Kino, sonstiger Kultur. Und dem “Brauchbaren Ding”. Das ist ein Haushaltsgerät, nein, eigentlich ein knackiger Kerl, der irgendein Gerät in der Hand hält. Was zum Hingucken und wieder Wachwerden.

Doch ob sich genug Frauen für diese Mixtur interessieren? Der Münchner Konkurrent Burda erlebte bei dem Versuch, mit dem Zeitschriftenzwitter vivian neue Zielgruppen aus der Leserinnenschar herauszufiltern, ein finanzielles Desaster: Das “Nachrichtenmagazin für Frauen” wollte niemand kaufen. Gruner + Jahr scheint kein unnötiges Risiko eingehen zu wollen und beschränkt sich fürs Erste mit 35 000 Exemplaren Auflage auf den Testmarkt Hessen. “Bis Ende des Jahres”, so ein Sprecher des Verlages, werde man entscheiden, ob das Heft vom Frühjahr 2002 an bundesweit als Monatsheft in Serie gehen soll. Rund 200 000 Stück will man dann absetzen.

Bis dahin sitzen in der Redaktion ausschließlich Redakteure von Lebert Medien, neue werden vorerst nicht eingestellt. Sparen liegt im Trend: Auch Rodale-Motor Presse in Hamburg lässt den Männer-Neuling Best Life von den Redakteuren des im selben Haus erscheinenden Mens´ Health mitproduzieren.

 

 

Bettszenen für Voyeure - Horizont Nr. 3

Horizont Nr. 3 vom 18.01.2001

Bettszenen für Voyeure

Interlübke präsentiert die Schlafzimmerfotografien von Herlinde Koelbl
Menschen in ihren privatesten Räumen

Möbelhersteller schlagen Alarm:
Die Deutschen, heißt es in einer umfangreichen Studie, die just zur Kölner Möbelmesse für Furore sorgt, seien “Schlafraum-Muffel” und vernachlässigten die Einrichtung ihrer Schlafgemächer. Kurzum: Das Verhältnis zum Bett sei gestört. Ganze 11 Prozent der Bevölkerung schliefen auf Matratzen, die älter als zehn Jahre seien – pfui. Keine Frage, das Schlafzimmer ist ein vernachlässigter Bereich. In seiner bahnbrechenden Studie “Vom Wohnen der Deutschen” hat der Soziologe Alphons Silbermann das Schlafzimmer schlicht ignoriert – aus gutem Grund. Denn dort, begründete der Forscher, werde nicht gewohnt.

Nach wie vor ist das Schlafzimmer ein verschwiegener Raum, eine designfreie Zone zumeist: monofunktional, standardisiert und steril. Das musste Möbelhersteller und Gestalter auf den Plan rufen. Nun tritt der Markenmöbelhersteller Interlübke an, das Bewusstsein für die tabuisierten Räume zu schärfen. Das Unternehmen im westfälischen Rheda-Wiedenbrück bat die Erfolgsfotografin Herlinde Koelbl, mit der Kamera einen Blick in jene Gemächer zu werfen, die gemeinhin dem Blick entzogen sind.

“Im Schlafzimmer” heißt das Resultat ihrer Recherche. Eine Auswahl der Aufnahmen präsentiert Interlübke nun – pünktlich zur Möbelmesse – in Kooperation mit dem Kölner Kunsthaus Lempertz, der Messegesellschaft und der Stadt Köln. Auch ein Stück soziologischer Realität soll sichtbar werden .Über 60 Fotografien geben Auskunft über den privatesten Raum des Menschen. Wir sehen kleine Kammern und opulent gestaltete Saäle, Zellen und Wohnwagen, selbst die Schlafstätte eines Obdachlosen unter der Brücke. Kreuz und quer durch Europa ist die Fotografin gereist. Es war nicht einfach, in das Schlafgemach vorzudringen. Zahlreich waren die Einwände. “Wenn ich Bekannten von diesem Projekt erzählte,” berichtet Herlinde Koelbl, “dann reagierten viele, vor allem Deutsche, sehr merkwürdig, ganz so, als ob ich etwas Schlüpfriges fotografieren wollte. Es wurde gleich an die sexuelle Komponente gedacht”. Dazu aber geben die deutschen Schlafzimmer keinen Anlass. “Die Wände sind fast immer weiß, die Einrichtung häufig phantasielos.” Das Schlafzimmer – ein tristes Ensemble.

Damit soll nun Schluss sein. Die Trennung zwischen Wohnen, Schlafen und Arbeiten werde verschwimmen, weiß Interlübke-Chef Helmut Lübke. Folglich stiegen die Ansprüche an das Design. “Ein verantwortungsvolles Unternehmen leistet nicht nur mit seinen Produkten einen Beitrag zum kulturellen Geschehen in der Gesellschaft. Das Möbel ist ein Kulturgut und Design mehr als Formgebung.” Er sehe sich in der Rolle des Mäzens und Anregers. “Die Besucher der Fotoschau werden sich fragen: Wie könnte mein Schlafzimmer die Ehe beeinflussen? Ich kann Ihnen nur sagen, ein neues Schlafzimmer wirkt Wunder.”

 

 

Das Milchmädchen wird Verleger - Buchreport Nr. 26

Buchreport Nr. 26 vom 16.05.2001

“My favourite book” sucht Autoren

Das Milchmädchen wird Verleger

Derzeit sind nur die Anzeigen riesengroß, alles andere ist geheimnisvoll, was sich hinter dem Unternehmen “My favourite book” verbirgt. Nicht einmal Gründungsdaten und Kapitalausstattung sind bekannt, sondern werden als strenges Geheimnis gehütet. Das sich so entblättern lässt: Am 07.03.2001 ist die My favourite Company Holding GmbH & Co. KG mit Sitz in der Humboldstr. 10 in Düsseldorf eingetragen worden. Seit dem 8. Mai ist als Gesellschafter der GmbH Bernd Kreutz (mit 25.000 Euro) und als Kommanditist ebenfalls besagter Kreutz (mit 2 Mio Euro) eingetragen. Kreutz, am 10.01.1950 geboren, ist Grafiker und bisher als Chef der Werbeagentur Kreutz & Partner und Erfinder des Slogans “Ich glaube, Strom ist gelb” hervorgetreten.

Als Buchverleger handelt die geheimnisvolle Gesellschaft nach dem Motto: klotzen, nicht kleckern. Allein die ganzseitige Anzeige in der gestrigen Dienstagsausgabe von “Bild” kostet brutto einschließlich Zusatzfarbe 542.000 DM, die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” hat in ihrer Preisliste für eine 1/1 Seite vierfarbig, wie sie von den Düsseldorfern geschaltet worden ist, rund 96.000 DM ausgewiesen, die Doppelseite in Schwarzweiß , die am Montag im “Spiegel” zu finden war, kostete brutto 117.000 DM – viel Geld für ein Unternehmen, das bisher noch kein einziges Buch verlegt hat.

Aber das soll nun anders werden. “My favourite book” setzt auf alle Schreiber, denen die bösen, bösen, Lektoren der bösen Buchverlage ihre wunderbaren Manuskripte bisher zurückgeschickt haben. In einer Gegenüberstellung, wie es bei “herkömmlichen Verlagen” und bei “My favourite book” funktioniert, wird deutlich, wo Bücher selbstherrlich und wo sie demokratisch verlegt werden. Das Fazit der Gegenüberstellung: In herkömmlichen Verlagen wird aus Ihren Manuskripten wahrscheinlich nie ein Buch. Und umgekehrt: “Wir machen aus Ihrem Manuskript einen Markenartikel.”

Bevor es dazu kommt, müssen Autorin oder Autor freilich erst einmal 5.700 Euro überweisen. Dafür garantiert ihnen My favourite book, dass zumindest 100 Bücher mit dem eigenen Konterfei im oberen Teil und dem selbst zu wählenden Buchtitel im unteren Teil erscheinen. Wie viele Bücher tatsächlich gedruckt werden, ist ebenso geheimnisvoll wie vieles andere.

50% der Titelpauschale, so versprechen die guten Menschen aus Düsseldorf, werden für Vertrieb, Werbung, Internet-Auftritt und Öffentlichkeitsarbeit aufgewendet. An jedem verkauften Buch ist der Autor mit einem Honorar von 50% vom Netto-Verkaufspreis beteiligt. In Modellrechnungen kommen schnell stattliche Beträge zustande: Jedes Milchmädchen wird glänzende Augen bekommen.

“Ob, was und wann gedruckt wird, bestimmt ausschließlich der Autor, es gibt niemanden, der ihm da reinreden könnte”, garantieren die My-favourite-book-Verleger und: “Der Autor oder Herausgeber steht bei My favourite book im Zentrum des Geschehens und nicht am Rande eines anonymen, nicht beeinflussbaren Produktionsprozesses.” Wie weit Ankündigung und Realität beieinander liegen, soll sich Ende Oktober zeigen, dann sollen die ersten Bücher erscheinen. Bestellt werden können sie nur im Internet, ausgeliefert werden sollen sie durch Koch, Neff & Oetinger. – Wenn Sie mehr lesen wollen über die wunderbare Buchvermehrung, dann klicken Sie sich ein: www.my-favourite-book.com

 

 

Beckmann's Erzählungen - DIE ZEIT

DIE ZEIT vom 15.11.2001

REINHOLD BECKMANN

Beckmann’s Erzählungen (10)

Mom, oh, Mom

Was bleibt uns Männern noch in diesen Tagen? Da kommen wir abends nach Hause und spüren sofort: Hier stimmt was nicht! Auf dem Sofa räkelt sich eine veränderte Frau, sie liest “MOM”. “MOM” also ist keine neue Margarine, sondern eine Offensive gegen Baby-Blues und Sinnkrise, eine Zeitschrift “für Mütter und andere Frauen”. In Hessen wird sie gerade getestet. Offenbar weht dort der Zeitgeist dem bundesrepublikanischen Leser besonders heftig um die Ohren. Ein Blick in die erste Nummer zeigt, Frauen sind ganz schön eigenständig. Das lässt die Kleinfamilie so weit schrumpfen, dass Papas und Lebenspartner irgendwie aus dem Heft gefallen sind.

Selbstbewusste Frauen erzählen in “MOM”, dass sie auf Pantoffelhelden pfeifen und erst recht auf verknitterte Büroexistenzen. Gerade mal brauchbar zum Windelwechseln, aber zu lahm für den Erotik-Kick. Ausführlich wird deshalb die Frage des Seitensprungs erörtert. Sechs Tage Ehe, ein Tag Sex. Der Seitensprung ist immer donnerstags, pünktlich um 17.00 Uhr, denn seit Boris scheint der Quickstepp auch bei Müttern sehr gefragt. Überhaupt, schnell muss es gehen, wenn man alles im Leben mitnehmen will, wie uns die drei Rubriken 5,10 und 15 Minuten weismachen wollen. 5 Minuten für den Vitaminstoß, 10 Minuten Küssen zur Anregung und 15 Minuten für die Zucchinimaske. So bleibt der Alltag immer ein ganz kleines bisschen hip. Lächelnde Kinder sind natürlich stets dabei, wenn ihre Mamis sich in Meg-Ryan-Pullovern lässig vor der Kamera lümmeln und garantiert nicht von Vati träumen.

Die Obermutti ist Madonna, die Erfolgsehe und Kinder wunderbar unter einen Hut bringt. Ihre Kinder schauen nicht fern, sie werden wertkonservativ erzogen. Ansonsten bietet “MOM” wenig Mode, wenig Kosmetik, dafür Aufklärung über die Rolle der Frau im muslimischen Glauben. Der oberkörperfreie Mann ist auch vertreten. Statt auf der Titelseite ist er in die Heftmitte gerutscht. Andreas, der smarte Erotikboy mit dem Waschbrettbauch. Aufklappbar wie ein Pin-up-Girl. In einer Hand hält er den Föhn lasziv wie einen Colt. Müssen wir fürchten, dass er gerade im Bad die Beichte zum Seitensprung abnimmt und jetzt den Föhn ins Wasser wirft? Wir Männer sind bei “MOM” auf Abruf. Wir sind noch nicht dran. In einer Zeitschriftenwelt, in der auf Titeln fast ausschließlich Männerfantasien bedient werden, hat “MOM” ihren Platz. Nur, liebe “MOM”-Macher, wenn schon Männer bei Euch kaum auftauchen, dann erbitten wir alsbald in Bayern den Test von “DAD”.

 

 

Andreas Lebert wird Büchermacher - New Business Nr. 20

New Business Nr. 20 vom 14.05.2001

Andreas Lebert wird Büchermacher

Der Top-Journalist (SZ-Magazin, Die Zeit) startet gemeinsam mit Agenturinhaber Bernd Kreutz einen Buchverlag für jedermann.

Bernd Kreutz versucht sich als Buchmacher

Mit einer achtseitigen Anzeigenstrecke im “Spiegel” machte in der vergangenen Woche die Neugründung “My favourite book” auf sich aufmerksam. Das Düsseldorfer Unternehmen will vom allgegenwärtigen Trieb des Menschen nach Selbstverwirklichung profitieren. Bei My favourite book können Autoren und solche, die es werden wollen, ihre Manuskripte als Buch veröffentlichen, ohne Opfer strenger Lektor-Augen zu werden. Einen Pauschalpreis von 5.700 Euro muss der Autor hinblättern. Das Geld wird unter anderem für Vertrieb, Marketing und Produktion genutzt. Der Autor bekommt 100 Freiexemplare seines Werks und wird am Gewinn mit 50 Prozent beteiligt. Erhältlich sind die Bücher nur über den Online-Shop von My favourite book, der Mitte Oktober startet, direkt nach der Frankfurter Buchmesse.

Gründer des Unternehmens ist ein prominenter Agenturmann, nämlich Bernd Kreutz, Chef der Düsseldorfer Agentur Kreutz & Partner. In deren Agenturgebäude ist My favourite book untergebracht. Folglich entstand die Anzeigenkampagne, die in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften geschaltet wird, auch im eigenen Haus (Medis: Promediapart, Stuttgart). Neben seiner neuen Berufung als Buchmacher will Strom-Gelber Kreutz unabhängig davon weiter seine Agentur leiten: „My favourite book hat mit Kreutz & Partner nichts zu tun“ stellt er klar. Für seine neue Firma hat er verschiedene Privatpersonen als Investoren gewinnen können.

Mit in der Geschäftsführung, in der sich Kreutz um Marketing und Kommunikation kümmert, sitzt ein weiterer prominenter Medienmann: Andreas Lebert, einst Chef des “SZ-Magazins”. Von München aus kümmert sich der Vater von Jungautor Benjamin Lebert (“Crazy”) um die Öffentlichkeitsarbeit und die Inhalte des neuen Unternehmens. Lebert und Kreutz haben früher bereits zusammengearbeitet: Kreutz & Partner betreute Mitte der Neunziger eine gemeinsame Werbekampagne für ein Anzeigen-Kombi von “SZ-Magazin” und “FAZ-Magazin”. Chef des “SZ-Magazins” damals: Lebert. Der gründete vor zweieinhalb Jahren in München eine eigene Medienproduktionsfirma und war zuletzt Mitinitiator der “Zeit”-Beilage “Leben”.

 

 

Buchmacher - W&V Nr. 19

W&V Nr. 19 vom 11.05.2001

Buchmacher

My favourite book

Klotzen statt Kleckern heißt die Devise bei dem Düsseldorfer Unternehmen: Auf vier farbigen Doppelseiten im Spiegel verspricht das Start-up Hobby-Autoren: “Wir machen aus Ihrem Manuskript einen Markenartikel.” Kostenpunkt: Rund 11.000 Mark. Die Kampagne konzipierte die Internet-Firma selbst. Auf den Spiegel-Auftritt folgen Anzeigen in überregionalen Tageszeitungen.

 

 

Aus der Schublade ziehen - kress report Nr. 19

kress report Nr. 19/2001 vom 11.05.2001

Aus der Schublade ziehen

können Hobby-Schreiber ihren Roman. Das Düsseldorfer Unternehmen “My favourite book” erfüllt künftig den Traum vom eigenen Buch. Hinter der Firma, die am vergangenen Montag eine achtseitige Anzeigenstrecke im “Spiegel” schaltete, steckt Bernd Kreutz, 50, Chef der Werbeagentur Kreutz & Partner und Erfinder des Slogans “Ich glaube, Strom ist gelb”. Am Unternehmen beteiligt ist außerdem der Ex-“SZ-Magazin”-Macher Andreas Lebert, 45. Das Konzept ist denkbar einfach: Gegen eine Pauschale von 5.700 Euro wird aus jedem Manuskript ein Buch. Der Autor erhält für seine Einlage 50% von jedem verkauften Buch. Im Gegenzug steck My favourite book die Hälfte des Geldes in die Werbung. Der Buchverkauf erfolgt über das Web-Angebot www.my-favourite-book.com. Die ersten Bücher sollen am 15. Oktober, dem letzten Tag der Frankfurter Buchmesse, erscheinen. Bis dahin können alle angehenden Schriftsteller ihre Schubladen nach geeigneten Werken durchsuchen.

 

 

Müttergenesungsblatt - Frankfurter Rundschau

Frankfurter Rundschau vom 08.11.2001

KATRIN WILKENS

Müttergenesungsblatt

Die angeblich erste Zeitschrift für die Frau, die Mutter ist oder werden will: Mom aus
dem Hause Gruner + Jahr

Man könnte lästern: Dass mit der “Rückkehr der Werte” und der “neuen Bürgerlichkeit” die neue Mütterlichkeit endlich auch am Kiosk zu kaufen ist. Schließlich kann es “in Zeiten wie diesen” (Harald Schmidt), nicht genug Nestbaukompensationsbeschäftigungen geben. Aber muss es ausgerechnet Mom sein?

Die neue Frauenfachzeitschrift, nein, pardon: das Mütter-nicht-Familien-Magazin, wird von Gruner + Jahr (G + J) auf den Markt geworfen. Bevor das Heft bundesweit verbreitet wird, testet der Verlag mit 35000 Exemplaren den Hessen-Markt. Und wie! “Die erste Zeitschrift für die Frau, die Mutter ist oder werden will”, verspricht das Editorial. Und in der Tat muss man schon fünffache Mutter in Hessen sein (plus Haustier, Garten, Schwiegermutter, Weltfremdheit), um so eine hybride Behauptung zu glauben, zum Kiosk zu tapern und mit Alete-verschmierten Kurznagelhänden vier Mark für Mom hinzulegen.

Gleich auf Seite 3 wird die Image-kompatible Kompetenz der Macher vorgeführt. Während die hauseigene Konkurrenz Eltern für jeden Kinderpups eine Fachfrau für Blähungen zur Rate zieht, speist sich die Mom-Redaktion nicht nur aus Redakteuren und Fachjournalisten, sondern auch aus “neun Kindern, vier Ehepartnern, zwei heimlichen Lovern, drei Hunden, ein Hase”. Das sagt viel über das unterschiedliche Selbstverständnis der miteinander konkurrierenden G + JProdukte: Eltern will Flüssigdünger für Eltern sein, den man einmal im Monat in sich hineingießt, um an der Kindererziehung zu wachsen. Wie schneide ich klitzekleine Kindernägel? Was tun, wenn mein Kind stiehlt? Warum ist die Trotzphase wichtig? Eltern in der richtigen Dosis konsumiert, stärkt die familiären Wurzeln – und vielleicht nimmt die Blühkraft zu.

Mom ist ein Pflanzenglanzspray, das man sich auf die welken Blätter sprüht, wenn das trotzige Kind Nagelscheren klaut. Mom hilft nicht bei Erziehungsfragen, Mom hilft bei der Mütter-Regeneration. Den Fokus ständig aufs Gör zu lenken ist gut und schön, aber jetzt sind wir mal dran! Deswegen sind die Themen auch vor allem Laster-entlastend. Prada-Taschen und Schuh-Fimmel werden hier ebenso abgebildet wie die Reportage einer Mutter mit Ehemann und Liebhaber. Die artifizielle Fotostrecke einer Frau, die sich jahrelang ins Hotel zu Freund und Sex stiehlt, bringt ganz, ganz hässliche Komplexe. Warum nur, warum verläuft mein Leben zwischen Bügelwäsche und “noch Tee, Schatz?” Neidmacher-Texte, wie wir sie früher schon in der Bravo lasen: “13 und noch kein Petting?” verschaffen keine hohe Leser-Blatt-Bindung.

Allerdings besonders erwähnenswert, weil besonders selten: die Mom-Mama-Models haben kleine Bäuche, kleine Speckröllchen, kleine Hängebusen und sehen so normal aus, wie du und ich und nicht wie NaddelVeronaJenny.

Die Grafik bei Mom stammt vom Zeitschriften-Designer Hero Mario Garcia, der offenbar keine werdende, wollende oder seiende Mutter nach Lesegewohnheiten befragte. In der Badewanne kann man Mom nicht lesen: zu dicht stoßen die Textblöcke an die Innenfalz. Konsequenz, sonst wichtigstes Erziehungsmaß, wurde bei der Typographie nicht eingehalten: Es purzeln die Serifen durcheinander, als lägen sie in einer Lego-Kiste. Und die Bildsprache von Anzeigen- und redaktionellen Seiten sind auch häufig zu identisch, als dass sich eine Mutter mit hochgucken, weiterlesen, ermahnen, weiter blättern, aufspringen, leicht im Heft zurecht fände. Dazu jede Menge Ein-Seiten-Texte: warum man sich unauffällig zum Einkaufen schleichen soll, … teuren Schuhen nicht widerstehen muss, … Madonna eine tolle Mama ist.

Ausgedacht hat sich das ein Mann – aber bevor es jetzt “typisch” heißt – auch eine Frau: Andreas Lebert, Ex-Chefredakteur des Zeit-Magazins und Anne Volk, Ex-Chefredakteurin der Brigitte. Beide haben mit einer kleinen Crew (“neun Kinder, vier Ehepartner, zwei heimlichen Lover …”) das neue Baby auf den Markt gebracht, über das sich zumindest die ältere, vernünftigere Schwester Eltern gar nicht freuen dürfte.

Wieso ein neues Müttergefühl positionieren, wenn der Eltern-Relaunch erst ein paar Monate zurückliegt? Wenn die Auflage der Eltern-Gruppe seit dem Pillenknick kontinuierlich sinkt und Eltern sowieso zu 75 Prozent von Frauen gelesen wird? Wenn der Redaktion ein Sparkurs verordnet wird, ähnlich einer knapp verdienenden Kleinfamilie, bei der der Vater plötzlich arbeitslos wird? Ist Mom für Gruner + Jahr nun Marktausweitung oder Flurbereinigung? Luxusgut oder Quengelware? Innovation oder Altback? Tipps, wie täglich fünf Minuten in einer fremden Sprache zu telefonieren, um den Sprachkurs einzusparen, oder ein Gewinnspiel, bei dem es eine Haushälterin für ein Jahr zu gewinnen gibt (warum nennt man diesen Berufsstand Uta-Danella-mäßig immer noch “Perle”, wenn man ein neues Frauen-Gefühl installieren will?) sind sicher frauenfreundlich. Aber auch ein bisschen wie das berühmte Geburtsgeschenk, dass man größeren Kindern macht, damit sie sich nicht zurückgesetzt fühlen. Können sich Mütter nicht anders Aufmerksamkeit besorgen, müssen es immer Feng-Shui-Einrichtungstipps sein?

Wenn so etwas prä- oder postschwangere Frauen lesen, und das nicht zu den üblichen pränatalen Depressionen gehört, will ich künftig brav mit “Apfel anstatt” verhüten. Und nie, nie schwanger werden!

 

 

Obacht, Ihr Dads! - Süddeutsche Zeitung

Süddeutsche Zeitung Nr. 255 vom 06.11.2001

OLIVER GEHRS

Obacht, Ihr Dads!

Versuch einer neuen Zeitschrift: Mutter-Sein macht mehr Spaß, wenn man sich Mom nennt

Es gibt Zeitschriften, die kauft man schon wegen ihres Namens nicht. Wer möchte schon am Kiosk nach der neuen Super-Möpse fragen? Oder nach Men’s Health, Partner Hund oder fit2day.de? Der Titel kann eine schwere Hypothek sein, das werden auch die Macher des neuen Gruner+Jahr-Heftes mom merken, das derzeit in Hessen getestet wird und im Frühjahr bundesweit reüssieren soll. Schon klar, dass so ein Heft “für Mütter und andere Frauen”, wie es im Untertitel herumkumpelt, nicht Mama heißen darf – aber mom? Das klingt dann doch arg bemüht nach patent-progressiver Frau. Die knuffige Meg-Ryan-Pullis mit zu langen Ärmeln trägt, ihre Kinder kids nennt und ihnen aus Kürbissen Halloween-Masken schnitzt.

Außerdem: Warum richtet sich das Blatt nur an ein Elternteil? Soll da etwa das gute alte Erziehungsteam Mutter und Vater auseinander dividiert werden? Obacht, Dads! Der Verdacht wird gleich mit der ersten Geschichte über einen Seitensprung genährt, die so auch in Cosmopolitan, der Zeitschrift für die mental-erregte Frau, stehen könnte. Allerdings endet sie bei mom korrekt in den Armen des Ehemanns, der zwar im Bett eine Niete, aber beim Pferdestehlen die große Nummer ist. Auch der Rest des Heftes, soviel sei den besorgten Vatis gesagt, kommt zwar emanzipiert daher, ist aber im Endeffekt systemerhaltend: Schließlich ist die Mom auch nur eine Mutti, die der Sinnkrise mit Blümchenslips und Anglizismen vorbeugt, oder auch mit dem halbnackten Mann auf den Seiten 116/117: “Andreas, 29,184 m, 75 kg, Brustumfang 1,05m.”

Denn auch das Familienleben kann Glamour haben, wie die Mode-Fotos, auf denen das Kind zu einer Art Accessoire wird (diesen Herbst wird das Baby einarmig zu groben Strick getragen) beweisen. Oder auch die nervenstarken Daddies, die beim Krawatten-Binden Kraft für die nächste Wickelrunde tanken. Selbst die Bilder von Kinder schleppenden Müttern aus der Dritten Welt sind purer Lifestyle.

Im Grunde ist mom (diese Schöpfung aus dem Brutkasten von Andreas Lebert, der schon der Zeit “Leben” einhauchen wollte) die Mutti aller Erziehungs-Zeitschriften mit der fast ungebrochenen Fünfziger-Jahre-Botschaft: Kinder haben ist toll! Wer für diese Erkenntnis eine Zeitschrift braucht, sollte allerdings lieber darauf verzichten.

 

 

Mom sucht die moderne Mutter - W&V, Nr. 44

W&V, Nr. 44 vom 02.11.2001

LIANE KOCH

Mom sucht die moderne Mutter

Dass Mütter sich ausschließlich für ihre Kinder interessieren, war lange Zeit gängige Meinung. Ob sich das als Irrmeinung herausstellt, will Mom untersuchen. Vom 2. November an testet das Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr einen Monat lang seine neue Frauenzeitschrift für moderne Mütter auf dem Regionalmarkt Hessen. Sollte der Test, der mit Info-Screens, Citylights, Traffic Board und Radiospots beworben wird, erfolgreich verlaufen, wird Mom monatlich erscheinen. Idee und Konzept stammen vom ehemaligen Brigitte-Ressortleiter Andreas Lebert, der Herausgeber werden soll. Zusammen mit Ex-Brigitte-Chefin Anne Volk erstellte er bereits die Nullnummer.

 

 

Neue Mütter hat das Land - Der Tagesspiegel

Der Tagesspiegel vom 02.11.2001

BARBARA NOLTE

Neue Mütter hat das Land

Und Gruner + Jahr hat für sie eine Zeitschrift entwickelt: “Mom”

Fangen wir mit einer Typologie an. Es gibt zwei – grundverschiedene – Typen von Frauen. Diejenigen, die “Dallas”, und die, die “Lindenstraße” sehen. Die “Dallas”-Fraktion sucht so was wie eine Gegenwelt, die große Liebe, das große Geld, das große Abenteuer, sie sucht ein bisschen Glanz, auch wenn es falscher Glanz ist. Und vielleicht kommt ja doch eines Tages Bobby Ewing vorbeigeritten und nimmt einen mit. Die “Lindenstraße”-Fraktion findet ihr Leben, wie es ist: ganz gut so. Sie hat einen Okay-Mann und einen Okay-Job, und in den Fernseher schaut sie wie in eine Art Spiegel. Das Prinzip “Lindenstraße” – als hätte man in Nachbars Wohnzimmer Webcams eingebaut.

Die Zeitschrift “Mom” ist die “Lindenstraße” unter den Frauenmagazinen. Gruner + Jahr verkauft sie ab heute für vier Mark in Hessen – als Markttest. “Mom” ist eine Zeitschrift für Mütter, die sich gut gefallen mit ihrem Kinderwagen, mit ihren neuen flachen Schuhen und ihrem Einkaufskorb voller Joghurts mit rechtsdrehenden Aminosäuren. “Frauen wollen heute Freude an ihrem Kind haben, aber auch am Frausein”, erklärt Andreas Lebert, Ex-Chef des SZ-Magazins. Er ist Erfinder und Herausgeber von “Mom”. Mütter, die in stillem Protest gegen ihre Rolle in Stilettos auf den Spielplatz stöckeln und dort, sagen wir, George Clooney nachträumen, sind in “Mom” seltener. Die würden sowieso “Cosmopolitan” lesen. Die Zeitschrift, die das schöne Märchen von der Frau als männermordendes Monster erfunden hat. Aber diese Frauen zählen sowieso zur “Dallas”-Fraktion.

Das “Lindenstraßen”-, also das “Mom”-Prinzip ist sicherlich das journalistischere. In der Zeitschrift sind viele Reportagen. Detailgenau geschrieben, ohne Schönfärberei: Da berichtet eine DJane aus Berlin, dass sie ihrer Tochter zuliebe ihre Nachtschichten in Clubs gegen einen Acht-Stunden-Job in einer Booking-Agentur eingetauscht hat. Unter der Rubrik “Star-Moms” erzählt eine gute Freundin von Madonna, wie sich die Popsängerin seit der Geburt ihrer Tochter verändert hat. Und ein Unternehmensberater bewertet den Alltag einer Mutter nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Das Spektrum von “Mom” reicht von künstlicher Befruchtung bis zur Rolle der Frau, wie sie im Koran steht; es reicht von Mode-Tipps bis zu einem Spiel, bei dem es eine Haushälterin für ein Jahr zu gewinnen gibt. Was nicht vorkommt, sind Artikel, die die Mutterrolle auch mal ein bisschen Skeptisch sehen. Selbst der Unternehmensberater sagt: “Managern rate ich zu einem Praktikum bei einer Mutter.”

Andreas Lebert hat ein sehr klares Bild seiner Leserinnen: Sie seien humorvoll und pragmatisch. “Die Mütter von heute wollen von den ideologischen Debatten der 70er, 80er und 90er nichts mehr wissen.” Aber der Titel: “Mom” – sind sie wirklich so pragmatisch, dass sie einfach als das bezeichnet werden wollen, was sie sind?

“Die Bedenken gegen den Namen hatten die Teilnehmerinnen der Marktforschung nicht.” Sagt der Verlagsgeschäftsführer von Gruner + Jahr, Volker Breid. In Grup-pendiskussionen hat der Verlag “Mom” bewerten lassen. Da sei die Zeitschrift “sehr gut” angekommen. Wenn also die Marktforschung ihr Geld wert war und tatsächlich so viele Frauen das Magazin kaufen, wie die Tests voraussagen, dann kommt “Mom” im nächsten Frühjahr in ganz Deutschland heraus.

 

 

Teufels Liebesgeschichte als Anreiz für Autoren - Stuttgarter Zeitung

Stuttgarter Zeitung, 02.06.2001

ANDREAS MÜLLER

Teufels Liebesgeschichte als Anreiz für Autoren
Premier wirbt für Geschäftsidee des CDU-Werbeberaters

Jeder ist Autor, jeder ist Verleger; mit dieser Idee will der Werbeprofi Bernd Kreutz Geld verdienen. Einer seiner Kunden, CDU-Landeschef Erwin Teufel, hilft ihm beim Bekannt machen – mit seinem guten Namen und einer Buchidee

Seinen großen Sieg vom 26. März verdankt Erwin Teufel zumindest ein klein wenig auch Bernd Kreutz. Wie vor fünf Jahren konzipierte der Werbeprofi aus Düsseldorf die Kampagne der CDU für den Landtagswahlkampf. Damals schuf der Kreative den inzwischen fast schon legendären “Smiley”, das aus den Parteilettern gebildete Lächelgesicht. Diesmal setzte er ganz auf die Vokabel Erfolg. “Komm mit, den Erfolg wählen”, verkündeten Kreutz’ Großplakate, und als “Erfolgsgarant” wurde Teufel präsentiert.

Nun konnte sich der Wahlsieger bei dem aus Baden-Württemberg stammenden Wahlhelfer revanchieren. Mit seinem guten Namen wirbt Teufel für das jüngste, Aufsehen erregende Projekt des Agenturchefs. Gemeinsam mit Partnern will der gelernte Schriftsetzer ein “völlig neues Konzept im Verlagswesen” etablieren; Jeder, der sich zum Schreiben berufen fühlt, soll künftig auch sein eigenes Buch bekommen. Drucken und Binden, Werbung, Logistik und Verkauf übers Internet – all das übernimmt Kreutz’ neues Unternehmen “My favourite book” für 5.700 Euro, also gut 11.000 Mark. Mitte Oktober, am letzten Tag der Frankfurter Buchmesse, sollen die ersten Werke von Möchtegern-Schriftstellern erscheinen.

Flächendeckend wirbt die eben gegründete Firma, von der Branche skeptisch beäugt, derzeit in Zeitungen und Illustrierten für ihre Geschäftsidee. “Was unser Staat braucht, ist eine Bücherinitiative” heißt es beispielsweise in großformatigen Anzeigen, die auf eine Internet-Adresse (my-favourite-book.com) verweisen. Gleich auf der ersten Seite erscheint dort, neben dem Journalisten Giovanni di Lorenzo, dem Zeichner Tomi Ungerer und zwei Unbekannten, ein prominenter Pate des Projekts: “Erwin Teufel, Ministerpräsident.”

Teufel als Werbeträger? Nicht direkt. Aber der Stuttgarter Regierungschef ist einer von einhundert Autoren des Premierenbandes, mit dem Kreutz (51) sein Konzept vermarktet. “In jedem Menschen steckt ein Buch” – getreu dieser These sammelte Herausgeberin Lisa Feldmann Exposés von mehr oder weniger bekannten Zeitgenossen.

Da kamen ziemlich skurrile Texte zusammen. Die Hamburger Justizsenatorin Lore Maria Peschel-Gutzeit beispielsweise denkt an ein Brevier über Methoden für den Gefängnisausbruch, der “Bild”-Kolumnist Franz-Josef Wagner an einen Großstadtkrimi (“Maria im Puff”), in dem ein Polizist einer polnischen Prostituierten verfällt. Und der Elsässer Ungerer, offenbar tief pessimistisch, träumt von einem symbolträchtigen “Buch über die Zukunft: schwarz geschrieben und auf schwarzem Papier gedruckt”.

Der Bücherfan Teufel (61) dagegen gibt sich seriös und staatstragend wie stets. “Masterplan für Europa” hieße das ungedruckte, bisher nur in seinem Kopf existierende Werk. Vehement würde der Premier darin um Vertrauen für die europäischen Institutionen werben, Rinderwahn hin, Regelungswut her – die Liebesgeschichte zwischen der schönen Europa und Gottvater Zeus, der sich um ihretwillen in einen Stier verwandelt hat, hofft er, müsse doch “noch irgendwie zu einem Happy-End finden”.

Das Rezept dazu liefert Teufel gleich mit. Europa gehöre “vom Kopf auf die Füße gestellt”, “Vorfahrt für kleine Einheiten” müsse künftig die Devise heißen. Textprobe: “Das Buch schildert, wie das Vertrauen in die europäischen Institutionen – und die Politik insgesamt – durch konsequente Anwendung des Subsidiaritätsprinzips wieder hergestellt werden kann.” Ob das potenzielle Autoren wohl ermuntert, die Dienste von Kreutz in Anspruch zu nehmen?

Darum sei es Teufel gar nicht gegangen, erwidert das Staatsministerium. “Unter dem Aspekt Werbung”, sagt ein Regierungssprecher, “ist bei uns nie angefragt worden.” Man sei lediglich der Bitte nachgekommen, einen Beitrag für den Sammelband zu liefern – ein Vorgang unter Tausenden.” Als “normaler Werbeträger”, so die Auskunft, würde sich der Ministerpräsident nämlich nicht hergeben. Aber die Erwähnung auf der Internet-Seite gehe schon in Ordnung; neben di Lorenzo und Ungerer zu erscheinen, sei schließlich “nichts Ehrenrühriges”.

 

 

Neues G+J-Kind - Medium Magazin Nr. 12

Medium Magazin Nr. 12 vom 01.12.2001

Neues G+J-Kind

Mutter sein und Frau bleiben: Unter diesem Motto testet Gruner + Jahr den neuen Titel mom. In Hessen gingen Anfang November 35.000 Exemplare in den Verkauf (Prei: 4 Mark). Sollte der Titel ab Frühjahr 2002 bundesweit auf den Markt kommen, streben die Macher eine Auflage zwischen 180.000 und 220.000 an. Chefredakteur von mom ist derzeit Andreas Lebert, früher Chefredakteur des eingestellten Zeit-Magazins. Seine Firma Lebert Medienproduktion GmbH hat das Blatt in München entwickelt. Beraten wird mom von Anne Volk, der Herausgeberin von Brigitte.

 

 

Den Strom abgestellt - kress report Nr. 43

kress report Nr. 43 vom 27.10.2000

KLAUS DIETZEL

Den Strom abgestellt

hat der baden-württembergische Energielieferant EnBW dem Medienunternehmer Andreas Lebert, 45. Dessen vor zwei Jahren gegründete Lebert Medienproduktion GmbH entwickelte für den Stromhersteller ein Internet-TV-Projekt, das im November an den Start gehen sollte. Die redaktionellen Inhalte unter dem Arbeitstitel “Deutschland live”, die bis zur Sendereife entwickelt waren und die vor allem Live-Streams umfassten, werden vorerst nicht mehr gebraucht. “Alle Beteiligten waren sich einig, dass unter den gegebenen Voraussetzungen das Projekt nicht realisiert wird”, formulierte Dr. Norbert Jäger, freier Berater und EnBW-Unternehmenssprecher, nebulös.

Hintergrund der “marktpolitischen Veränderungen” dürfte der für das Jahr 2002 anvisierte Börsengang von EnBW sein. Um brillante Bilanzen vorlegen zu können, wird beim Energieversorger immer stärker an der Kostenschraube gedreht. Selbst die Getränke für die Mitarbeiterbesprechungen wurden inzwischen gestrichen. Auch bei den Ausgaben für Werbung und Marketing wird der Rotstift angesetzt. Kenner der Energiebranche halten sogar eine allmähliche Aufgabe der erfolgreich aufgebauten Strommarke Yello nicht mehr für ausgeschlossen. Die Billigmarke fährt Millionenverluste ein. “Da ist überhaupt nichts dran”, sagt Jäger und verweist auf einen gerade abgedrehten Werbespot. In diesem Jahr werde es noch zahlreiche weitere Werbeaktivitäten geben.

“Das Internet-TV-Projekt ist nicht vom Tisch”, sagt dessen ungeachtet Andreas Lebert. Der ehemalige Chefredakteur des “SZ-Magazins” und Gründer der “Zeit”-Beilage “Leben” hatte 25 Redakteure in seinen Büros in Berlin und München für die Entwicklung des Internet-TVs eingespannt. Die sollen auch weiterhin daran arbeiten. “Ich bin zuversichtlich, dass wir nicht nur für die Schublade gearbeitet haben”, sagt Lebert.

 

 

Tüfteln für die Zeitschrift von morgen - Die Woche

Die Woche vom 17.03.2000

JOACHIM WEHNELT

Tüfteln für die Zeitschrift von morgen

… Andreas Lebert kommt in schwarzem Lodenmantel und weißem Hemd durch die Schwingtür. Gaststätte “Zum Gockl”, Unterföhring bei München: Der Geschäftsführer der “Lebert Medienproduktion” erfand einst das “SZ-Magazin”, die Beilage der “Süddeutschen Zeitung”. Als stellvertretender Chefredakteur des “Stern” gab er nur ein kurzes Gastspiel. Danach machte er aus dem Magazin der “Zeit” den Teil “Leben”. Nun will er eine eigene Zeitschrift entwickeln, die sich am Kiosk bewähren muss.

“Mir kam die Idee, als ich mittags in einem Café in der Münchner Leopoldstraße saß”, erzählt der 43-Jährige bei Weißwurst und Brezen. “Ich sah eine Person in einer bestimmten Lebenssituation und wusste: Für die gibt es keine Zeitschrift, für solche Leute entwickle ich eine.”

Genauer könne er die Szene nicht beschreiben, schließlich werde sonst das Konzept verraten. Einen Dummy, also ein erstes Exemplar mit reduziertem Inhalt, werde er bis Ende März mit seinen zwei Layoutern und Redakteuren gestalten. Dann geht er auf Tour durch deutsche Verlagshäuser. Findet er einen Verleger, will er selbst Chefredakteur sein. …

 

 

Kundenzeitschriften sind nicht sexy - kress report Nr. 19

kress report Nr. 19 vom 12.05.2000

JOSEF SEITZ

King Content dankt ab. Wir rufen aus: Das Zeitalter der Idee. Es plädiert Andreas Lebert, der Rabenvater des neuen “Leben” für die “Zeit”.

Kundenzeitschriften sind nicht sexy,

machen aber Geld. Andreas Lebert, 44, ist knautschig sexy, soweit mann das beurteilen kann, und macht Geld, soweit man darüber spricht. Mit Kundenzeitschriften. Mit Auftragsarbeit.

Zuvor musste Andreas Lebert nur sein eigenes Leben neu erfinden. Sieben Jahre Leiter des “Süddeutsche Zeitung Magazin”. Entwicklung des Jugendmagazins “jetzt”, vier Jahre Ressortleiter bei “Brigitte”, acht zu lange Monate Gastspiel als stellvertretender Chefredakteur des “stern”, von Werner Funk geholt, gelobt, geschasst, und ein Abgang kurz vor dem Arbeitsgerichtstermin. Ein Mensch, der sein Lebens-Abo auf Print hat. Schien es.

Wurde doch ganz anders. Die “stern”Abfindung in der Tasche, macht der Kerl plötzlich Fernsehen. Bei G.A.T. Film und Fernsehproduktion in Unterföhring kümmert er sich um die “Lottoshow”. Macht der Kerl sich selbstständig und gründet im Dezember 98 die Lebert Medienproduktion GmbH in München. Macht der Kerl plötzlich alles: zur Hälfte Fernsehen (50% des Umsatzes mit dem Pilotfilm “Komplott” für ProSieben und der ZDF-“ViP-Lounge” mit Nina Ruge, die am Samstag, 30. September, um 19.25 Uhr startet). Zu einem Viertel das, was er “klassisch Print” nennt: Hauptkunde ist Holtzbrinck, sein “Leben” hat Lebert der “Zeit” schon eingehaucht, für den neuen Reiseteil betreut die Lebert-GmbH noch kleine Rubriken – “Immer Wieder! / Nie Wieder!”. Das vierte Umsatzviertel bringen die Kundenzeitschriften. “High Flyer” der Deutschen BA Luftfahrtgesellschaft mbH, das “Interlübke Magazin”, die “Energie Portraits” der EnBW Energie Baden-Württemberg GmbH. Radikal das Konzept: Hanns-Bruno Kammertöns, im Hauptberuf “Zeit”-Ressortleiter, interviewt ein Heft lang Dr. Alex Krauer, Verwaltungsratspräsident der Firma sowieso. Herlinde Koelbl fotografiert. Frage, Antwort und Schwarzweiß. Sonst nichts. 54 Seiten.

Content ist Kack. Lebert ruft das Zeitalter der Idee aus. Ideen treiben die Kurse hoch: bester Beweis die Börse. Ideen generieren mit Wahnsinn ein Wahnsinnsgeschäft: Beweis “Big Brother”. Ideen machen Filme möglich, die vor Jahren undenkbar gewesen wären. Beweisantrag Andreas Lebert. Springt auf fürs Plädoyer, rudert sich mit den Armen in Begeisterung. Im Kino gewesen, “Being John Malkovich”. Was für ein Film, was für Ideen. Lebert krümmt sich, schauspielert die Szene herbei, als der Unternehmer Kosten spart durch halbhohe Räume, wo die Beschäftigten buckeln unterm Kostendiktat. Was für ein Bild: Lebert schleicht durchs Büro, ein Gekrümmter, ein Getriebener. Idee-Idee-Idee.

“Das Schönste für mich ist, wenn nichts ist.” Andreas Lebert packt diesen Satz in Schweigen ein. 20 Sekunden vorher, ein langer Zug an der Philip Morris, 20 Sekunden nachher. Als er nach Ideen für das “Leben” der “Zeit” angelt, pinnt er sich 24 Zeitungsseiten an die Wand. Originalgroß, Originalpapier, Originalfarbe. Leer. Es beißt an: der Perspektivwechsel. “Jeder General in Burundi ist in jeder Zeitung wichtiger als ich. Im ‘Leben’ zähle ich, mein Leben: Brauche ich ein Handy? Soll ich meine Frau verlassen? Nimmt mein Kind Drogen?” Die andere Perspektive, das eigene Ich: Leberts Idee war gut. Sein “Leben” zeugt bereits neue Kinder. Das neue “Magazin” der “Frankfurter Rundschau” gibt sich nicht wirklich Mühe, die Vaterschaft zu leugnen.

Andreas Lebert ist ein Rabenvater von hohen Gnaden. Das nennt er seine Schattenseite. Früher beim Sonntagsfrühstück. Die Kinder quengeln, Papa, was machen wir dieses Wochenende. Wir frühstücken jetzt, bellt er zurück. Und will auf gar keinen Fall Früh darüber nachdenken, was mittags und abends und am Sonntag sein wird. Kaum hat Andreas Lebert sich durch die Nabelschnur gebissen, gibt er seine Babys zur Adoption frei. “Leben”? Vier, fünf Ausgaben hat er gar nicht angeguckt. Wenn die Leere weg ist, schwindet die Lust. “Anfangs konzentriert sich alle Energie zu 100 Prozent auf die Sache”, sagt Lebert, man sitzt auf Pappkartons und isst die Pizza aus der Schachtel. Später werden Büromöbel geordert und Teller bestellt. Lustkiller Ausstattungsliste. Alltag tötet Prozentprotze.

Leberts Medienkeimzelle. In Berlin ein Büro, “wo ich auch schlafen kann”. In München zwei Zimmer im Medien-Kuddelmuddel an der Schwere-Reiter-Straße, irgendwo ganz hinten rechts. Ein Tisch wie vom Sperrmüll. Der Teppichboden ist in einem Blau, das auch geübte Verkäufer sonst nur an Blindenschulen absetzten. Gegengift ist, an die Wand gerückt, das rote Sofa Drei fest angestellte Mitarbeiter. Andreas Lebert als Geschäftsführer. Marc Elbers, der die Geschäfte führt. Kerstin Löffler, Redakteurin. Personal nach Aufwand.

Personal-Aufwand ist das Print-Problem. Es braucht Geld, um neue Ideen anzuheuern. Es braucht Zeit, bis es an Bord ist. Produktionsfirmen sind fixer, hat Andreas Lebert bei der “Lottoshow” gelernt. Das Fernsehprinzip der freien Produktion auf Zeitschriften zu übertragen, ist seine Geschäftsidee. “Ich bin ein Zusammenfüger”, sagt Lebert.

Das ist seine Kunst. Das ist auch Leberts Scheitern. Konferenz beim “stern”. Die Olympischen Spiele in Atlanta sind vorbereitet. Die Sieger und Verlierer liegen als Fotostrecken bereit. Am Wochenende stürzt ein Flugzeug in die Planung. Sport und Sterben, Leistung und Leichen: Die eine heult, weil’s nur für die Silbermedaille reicht. Tränen beim anderen, der gerade die Familie verloren hat. Die Bilder mischen sich – auf dem Leuchtpult, in Leberts Kopf. Der stellvertretende “stern”-Chefredakteur will Sport und Strecken im Set, acht Doppelseiten, “über die man spricht”. Er redet alleine. Die Idee ist tot. Darüber spricht man. Andreas Lebert war beim “stern” eine Enttäuschung, zischelt es. Er macht Vorschläge. Aber was setzt er durch?

Sich setzt Lebert durch. Das Fernsehen bringt ihm die Idee der Produktionsfirma für Print. “Vor 15 Jahren war der Wechsel von einer Tageszeitung zur Zeitschrift ein Berufswechsel”, sagt Lebert. Heute ist alles in Bewegung. Print macht Fernsehen, Internet macht Druck. “Jetzt versucht ‘Focus-Money’ die alte Zeitungs-Nachricht zum ‘Magazin-USP’ zu machen.”

Dieser Tage macht Andreas Lebert sich auf den Weg, ein neues Konzept für eine Zeitschrift an Verlage zu verkaufen. Mehr sagt er nicht. Streng geheim. Wer eine Ahnung hat, hat auch die Idee.

Das ist die eigentliche Kunst des Andreas Lebert. Ihm glaubst du, dass Idee mehr ist als Schall und Rauch. Er schweigt 20 Sekunden. Und zündet sich eine Philip Morris an.

 

 

kress report Nr. 32

kress report Nr. 32 vom 11.08.2000

Wieder in einem Boot

sitzen Christian Kämmerling, 46, und Andreas Lebert, 44. einst hoben sie und einige andere das “SZ-Magazin” aus der Taufe. Jetzt hat Kämmerling bei der Lebert Medienproduktion angeheuert und entwickelt dort ein Internet-Magazin, in dem die Gattungen TV, Print und Internet zusammenfließen sollen. Insgesamt 20 Leute arbeiten an dem Projekt, Kämmerling leitet eine Abteilung in München, Carola Sayer, ehemalige Redaktionsleiterin der Brainpool-“Wochenshow”, die zweite Abteilung in Berlin. Kämmerling war bis Juni Chefredakteur des SZ-Magazins, dann ging er wegen der gefälschten Tom Kummer-Interviews.

 

 

Langes Hin und Her - kress report Nr. 31

kress report Nr. 31 vom 04.08.2000

ARIEL HAUPTMEIER

Langes Hin und Her

um die neue Sendung von Nina Ruge: Eigentlich sollte sie ab Ende August einen wöchentlichen Promi-Talk im ZDF moderieren. Daraus wurde nichts. Stattdessen macht Ruge jetzt die Entertainment-Sendung “V.I.P.”, die ab Ende November samstags um 19.25 Uhr zunächst für 6 Wochen ausgestrahlt wird.

“V.I.P.” ist die moderne Form der “V.I.P.-Schaukel”, sagt die ZDF-Redakteurin Susanne Krummacher. In jener Sendung befragte Margret Dünser von 1971 bis 1980 Prominente. Jetzt soll Nina Ruge in ihre Fußstapfen treten und Prominente sowie “very interesting people” daheim besuchen und befragen.

“V.I.P.” ist eine Zangengeburt. Ende 99 gewann die Berliner Produktionsfirma Teamworx, die bis dahin nur Fiction-Formate gemacht hatte (z.B. “Der Tunnel” auf SAT.1), die Ausschreibung um den vom ZDF gewünschten wöchentlichen Mittwochnacht-Talk. Geplant war eine journalistische Sendung, live aus Berlin, mit Einspielern, in denen Ruge internationale Stars befragt und nationalen Live-Talkgästen. Im Januar beauftragte Teamworx die Lebert Medienproduktion mit dem Aufbau einer Redaktion. Andreas Lebert (“SZ-Magazin”, “Zeit”, “Leben”, “Lottoshow”) stellte etliche Talk-Spezialisten ein, die Anfang April ihre Arbeit aufnahmen – und die Arbeit Ende Juni wieder einstellten.

Schon Ende Januar hatten die ZDF-Oberen entschieden, die Ruge-Sendung auf samstags, 19.25 Uhr, zu verschieben. Das ist ein klassischer Familiensendeplatz, für eine Interview-Sendung gänzlich ungeeignet. Nach drei Monaten Format-Entwicklung stieg Lebert aus. “Der Spagat zwischen Familien-Sendeplatz und journalistischer Interview-Sendung war nicht in Einklang zu bringen”, sagt er. Leberts guter Ruf schützte ihn vor Schaden – man einigte sich gütlich, behält das Sendungskonzept in der Schublade. Doris Zander, Produzentin von Teamworx, baute eine neue Redaktion auf, die hauptsächlich aus Filmemachern für kürzere Beiträge besteht.

Nina Ruge, Moderatorin von “Leute heute“, will den Eiertanz um das Format nicht kommentieren. Sie als Moderatorin sei für die Unsetzung des Konzeptes zuständig, nicht für das Konzept.

 

 

Philip Reichardt - kress report Nr. 48

kress report Nr. 48 vom 01.12.2000

Philip Reichardt, 37,

verlässt zum 1. Dezember das Ressort Leben der Hamburger Wochenzeitung “Zeit”, um in die Entwicklungsabteilung der Lebert Medienproduktion, München, zu wechseln. Dort soll er neue Print-, TV- und Internetformate entwickeln. Ein Geheimnis ist auch noch seine Nachfolge bei der “Zeit” – dort war er Blattmacher.

 

 

"Langeweile ist ein Verbrechen" - SANDRA MAISCHBERGER

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SANDRA MAISCHBERGER

“Langeweile ist ein Verbrechen”

Andreas Lebert war Chef vom “Leben” der Zeit. Jetzt plaudert der Blattmacher über die Stationen seiner Karriere, seine Auffassung von Journalismus, über seine Familie und seine Pläne. Sie haben so eine Joschka-Fischer-Biografie, sage ich. Er kaut. Das Physikstudium abgebrochen, sage ich, Taxi gefahren. Er unterbricht: Erst Lastwagen. Schiebt ein Stück Hasenrücken mit der Gabel über den Teller, lädt Gemüse auf. Vertreter in der Pharmaindustrie, fahre ich fort, in einer Band gespielt, Kurzkrimis für die Neue Revue geschrieben, mit der Familie auf dem Land in Niederbayern gelebt, erst dann eine Anstellung als Redakteur – als ob Sie um jeden Preis vermeiden wollten, Journalist zu werden. Das war auch so, sagt er und schiebt fix die Gabel in den Mund. Soll wohl heißen: Sie sind wieder dran. Manchmal hat es den Anschein, als ob Andreas Lebert sich an Fragen vorbeiduckt, vor allem, wenn es um seine Person geht. Über seine Arbeit dagegen redet er mit lebhaftem Körpereinsatz, greift irgendwo in der Luft über dem Restauranttisch mit den Händen nach Wörtern. Für einen, der nicht Journalist werden wollte, hat er es weit gebracht in diesem Beruf, war fast immer Chef oder Leiter, vor allem aber Erfinder. Erfinder des SZ-Magazins, der SZ-Jugendbeilage Jetzt, zuletzt des “Lebens”, der Nachfolge des eingestellten Zeit-Magazins. Nur der Stern war nicht neu zu erfinden, schon gar nicht unter oder an der Seite von Werner Funk. Dessen Stellvertreter war Lebert mal, kurz und glücklos.

Lebert: Ich bin in diesem Beruf ein Tischtennisspieler. Dieses Spiel funktioniert nur, wenn der Mensch gegenüber den Ball zurückspielt. Erst am Ende des Spiels gibt es ein Resultat. Beim Stern habe ich aufgeschlagen, das Gegenüber hat den Ball verschluckt und ist damit weggegangen. Die spielten: Nimm, was der sagt und verwirkliche es. So funktioniere ich aber nicht, ich bin dann auch schlecht.

SM: Demnach wären Sie nur so gut, wie Ihre jeweilige Truppe. Sie können Ihre Leute aber nicht überall hin mitnehmen.

Lebert: Nein. Ich muss überall wieder neue Leute finden. Ich funktioniere eben so, dass ich sage: Das Thema ist Mineralwasserflasche – was meinen Sie, Frau Maischberger? Sie sagen vielleicht: Das müsste man anhand irgendeines Typen erzählen, der auf Korsika lebt und als Bildhauer immer Mineralwasserflaschen macht. Dann sage ich: Okay, machen wir.

SM: Wie sehr sind Sie dem Journalismus verbunden?

Lebert: Ich fühle mich dem Journalismus schon verbunden, weil ich morgens einfach gerne in einen Raum gehe und mir anhöre, was die Leute für Geschichten erzählen. Trotzdem: Ich kann mich ganz gut verabschieden. Ich mag Abschiede sogar. Szenen an Bahnsteigen, an Flughäfen, ich mag, dass ich jetzt wieder beim “Leben” aufhöre, selbst wenn es mir weh tut. Ich kann mir durchaus vorstellen, in zehn Jahren etwas ganz anderes zu machen.

SM: Und was?

Lebert: Weiß ich nicht. Es ist mir auch wichtig, das nicht zu wissen. Mein größtes Problem am Samstagmorgen beim Frühstück mit den Kindern war, wenn die fragten: Was machen wir heute? Ich wollte in dem Moment nicht schon festlegen, was danach passiert. Beim SZ-Magazin habe ich zu meiner Sekretärin gesagt: Claudia, mach’ mir bitte Tage in meinen Kalender, an denen kein Termin ist. So, dass ich morgens reinkomme, und Du sagst: kein Termin heute. Und bitte trage Tage ein, an denen Du mir Urlaub gibst. Ich würde montags fragen, was gibt’s diese Woche, und Du sagst: Mittwoch hast Du einen freien Tag.

SM: Das Prinzip Kinderüberraschung? Ganz schön schräg.

Lebert: Ich finde keinen Tag langweiliger als den, an dem ich morgens in den Kalender schaue und schon ganz genau weiß, was passiert. Furchtbar! Manchmal habe ich morgens zu Claudia gesagt: Sag’ alle Termine ab, ich will nicht, ich kann nicht, ich möchte durch die Redaktion laufen, mit Leuten rumspinnen, ich will diesen vollen Kalender nicht.

SM: Hat nie jemand im SZ-Verlag gesagt, für solche Experimente werden Sie nicht bezahlt?

Lebert: Nein. Im Impressum steht hinter meinem Namen: verantwortlich für den Inhalt. Wenn die mit dem Inhalt nicht einverstanden gewesen wären, hätten sie mich ja feuern können.

Sie haben ihn nicht gefeuert. Obwohl Andreas Leberts journalistische Rigorosität auch manchmal provozierend war. Als das SZ-Magazin eine ganze Ausgabe mit Blut druckte, informierte er den Verlag vorsorglich nicht vorab. Er kümmerte sich insgeheim um die Besorgung von “keimfreiem Blut”, um die heikle Frage des SZ-Exportes in die USA, wo kein Blut eingeführt werden darf, um eine Druckerei, die ihre Maschinen mit Blut füllen lassen würde, “und um rechtliche Fragen, wenn eine Frau klagen würde: Mein Kind ist krank geworden, ich habe das Blut nicht bestellt, ihr habt es mir auf den Frühstückstisch gelegt.” Effekthascherei, die ihm später vorgeworfen wurde, sieht er nicht: “Den Leuten ist das Blut im Fernsehen völlig egal, aber wehe, es kommt dir ein Milligramm wirklich auf den Tisch.”

Gegen diese Art Journalismus wirkt das “Leben” in der Zeit geradezu brav. Eine Ausgabe wurde in Blau gedruckt, um das drohende Verschwinden eben dieser Farbe zu illustrieren, Steffi Graf enthüllte in der Traum-Kolumne das Ende ihrer Beziehung, Zeit-Koch Wolfram Siebeck unterwarf Hannibal “The Cannibal” Lecter einer kulinarischen Prüfung (“kennt nicht den Unterschied zwischen Hirn und Bries”). Die Verschmelzung von Zeit-Magazin und “Modernes Leben” sei dennoch ein Erfolg, meint Lebert. Mit 67 Abo-Kündigungen habe es keine großen Leserverluste gegeben, die Presseresonanz war gut, und man hätte mehr Anzeigen, als erwartet. Der Auftrag also, im Großen und Ganzen, “gelungen”.

SM: Ist etwas auch nicht gelungen beim “Leben”?

Lebert: Es kann mutiger werden, es wirkt noch nicht selbstverständlich, ist noch nicht richtig lässig. Wir hatten am Anfang in der Redaktion auch große atmosphärische Schwierigkeiten. Für die Leute, die vom Magazin und “Modernen Leben” abgezogen worden waren, war ich der Typ, der aus München kommt und ihr Ressort dicht macht. Statt einer guten Aufbruchatmosphäre hatten wir Psychogruppe, jeden Tag. Jetzt ist die Stimmung gut, und es kommen die ersten richtig guten Sachen. Das »Leben« kann jetzt richtig aufdrehen.

SM: In welche Richtung?

Lebert: Vorne berichtet, kommentiert, analysiert die Zeit das Wichtigste aus der Welt. Das Signal ist: Nicht du bist wichtig, alles andere ist wichtig. Wenn ich neunzig Seiten lang dieses Signal empfangen habe, möchte ich auch einmal ein anderes, nämlich: Du bist auch wichtig. Das “Leben” wechselt die Perspektive und wendet sich unser aller Leben zu. Für mich ist es wichtig, ob meine Mutter krank ist, ob ich mit meinem Kind zurechtkomme, ob mein Hund in die Wohnung macht.

SM: Das Leitmotiv für das “Leben” heißt also?

Lebert: Zeit für mich. Das kann man auch nicht nach Inhalt strukturieren, also: Mode, Kino usw. Das entspricht nicht unserer Wahrnehmung. Im normalen Leben macht mein Chef vielleicht gerade Stress am Telefon, parallel zeigt mein Sohn mir seine Bastelei und der Hund muss raus. Mir geht es um die Gleichzeitigkeit der Wahrnehmung. Deswegen ist das “Leben” über andere Überschriften strukturiert: Reden, Aussehen, Entscheiden. So wird auch gleich klar, dass es eher um die emotionale Wahrnehmung geht. Es müssen auch Themen wie Liebe oder Beruf vorkommen, das also, was Frauenzeitschriften schon seit vielen Jahren machen. Dafür wollte ich eine Zeit-typische Qualität entwickeln. Das ist noch nicht ganz gelungen, noch kommen Geschichten heraus, die man zum Teil in der Brigitte ablehnen würde, weil sie nicht gut genug sind.

SM: Warum verzichteten Sie nicht ganz auf Rubriken?

Lebert: Ich bin leidenschaftlich für Strukturierung. Jedes Blatt braucht, mehr denn je, Formate, an die der Leser sich gewöhnt und die er wieder findet. Wir haben auch keine Rubriken, sondern Seitentitel. Wenn es auf einer Seite um “Aussehen” geht, kann das Herr Schröder in seinen Anzügen sein oder ein neues Auto oder ein Essay über die Frage: Wie erzeuge ich durch Äußerlichkeiten Respekt.

SM: Sie drucken im “Leben” auch große Bilder – macht das bei der Papierqualität wirklich Sinn?

Lebert: Absolut. Dieses Zeitungspapier ist auch toll, weil man damit so respektlos umgehen kann. Ich habe schon beobachtet, dass jemand bei unserem Fragebogen die Auflösung, die ja gestürzt daneben steht, herausreißt und umdreht. So ist das “Leben”, es ist schneller, es wird benutzt. Ich wollte der Zeit einen Teil hinzufügen, der etwas anderes ausstrahlt. Die Zeit hat ein Schlechtes-Gewissen-Problem. Dieses dicke Ding sagt: Du musst mich lesen, ich habe Dir Wichtiges zu sagen. Das “Leben” strahlt aus: Du musst mich nicht lesen. Du kannst mich lesen, Du darfst mich lesen. In Verlagen wird doch gerne gesagt: Wir brauchen so etwas wie das Streiflicht der SZ, eine lustige Glosse. Aber das Streiflicht ist eben keine lustige Glosse. Sondern der erste Text auf Seite 1, das erste, was diese Zeitung mir mitteilt, ohne Namen, gegenüber dem Wichtigen. Die Message ist: Auch Wichtige sind Würstl wie Du und ich.

SM: Sie sind der Mann für das Unwichtige und Überflüssige?

Lebert: Das kann man vielleicht so sehen. Weil ich jetzt schon zum dritten Mal etwas dem Wichtigen und Unverzichtbaren hinzufügen soll.

SM: Das kann kein Zufall sein.

Lebert: Mich interessiert der Kontrast. Ein Layouter hat mir einmal gesagt: Wenn du eine wirklich schöne Strecke hast, dann musst du das Thema davor mit Absicht schlecht layouten. Damit das auch gelesen wird, und damit das andere richtig strahlt. So schaffst du Drama, so schaffst du Kontrast. Als ich mich mit der Zeit beschäftigt habe, habe ich in meiner leeren Wohnung auf dem Boden dreißig Titel der Zeit ausgelegt, dazu dreißig Aufschlagseiten vom “Modernen Leben” und dreißig Zeit-Magazine. Da ist mir aufgefallen: Hinten muss Kontrast kommen. Da packt der Leser nicht noch eine Reportage über abgeschobene Asylanten. Das hat mir bei der Zeit den Ruf des Gute-Laune-Onkels eingetragen.

Häme gab es auch, sogar gedruckt. Zuletzt im Oktober in der ZEIT-Feuilleton-Kolumne “Finis”, ein Angriff auf “Andreas L., L wie Leben”, “richtig bösartig”, meint Lebert. Er sitzt in seinem Berliner Büro, eigentlich der Konferenzraum der “Leben”-Redaktion. Am Morgen war es hier um den Lehrerinnenmord von Meißen gegangen, die Redaktion wollte ein Elternteil mit Teenagern darüber diskutieren lassen. Warum nicht Andreas Lebert und seinen 17-jährigen Sohn Benjamin? Er wehrt ab, “sonst heißt es nur: Jetzt featured er wieder seinen Sohn.” Dabei habe er mit dem Erfolg des Sohnes und dessen Roman “Crazy” nichts zu tun, “der Benni schreibt von klein auf, er hat wirklich mit neun seinen ersten Roman geschrieben und mit zwölf den zweiten.” Als Kolumnist des Jugendmagazins Jetzt sei er dann entdeckt worden, da war Andreas Lebert schon nicht mehr bei der SZ. Natürlich, “alle in unserer Familie arbeiten in diesem Medium”, sagt Lebert. Der Bruder Stephan als Reporter beim Tagesspiegel, Mutter Ursula als Autorin für die Brigitte, Vater Norbert war Seite-3-Reporter bei der SZ und später freier Buchautor. “Den Erfindergeist hat er vom Großvater, dem Erfinder vom Unimog”, sagt Ursula Lebert über ihren Sohn Andreas, “die Originalität kommt vom Vater”. Wenn sie mit ihrem Mann in die Gärtnerei gegangen ist, sei sie immer mit den üblichen Geranien herausgekommen, “aber mein Mann fand immer etwas Ausgefallenes, eine ganz seltsame Pflanze, die niemand kannte. Er war sehr originell”. Bei Leberts zu Hause habe man eigentlich immer über Themen geredet, und sicher habe der ältere Sohn Andreas mehr als sein Bruder die Mühen eines Journalistenlebens mitbekommen.

SM: Warum wollten Sie kein Journalist werden? Weil Sie in einem Journalistenhaushalt aufgewachsen sind und gesehen haben, wie anstrengend dieses Leben ist?

Lebert: Ja. Aber ich habe auch davon profitiert. Wenn mein Vater mit einer Serien- oder Romanfolge fertig war, nach zwei unausstehlichen Tagen, sagte er: Scheiß auf die Schule, wir gehen zum Skifahren. Trotzdem: Ich habe ihn und meine Mutter nur vor dieser Maschine sitzend gesehen, tagelang. Meine Mutter hat immer geschrieben, und wenn’s nicht gut war, das Blatt herausgerissen, neu angefangen. Mein Vater hat nur geschrieben, wenn er genau wusste, was er sagen wollte. Er saß also auch mal den ganzen Tag da, ohne zu schreiben. Und immer dieser Termindruck! Das wollte ich auf gar keinen Fall.

SM: Die Qual des Schreibens hat Sie abgeschreckt?

Lebert: Ja, die Qual und die Einsamkeit. Meine Eltern waren wenig unterwegs. Es gab nur das Leben an der Schreibmaschine.

Und beim Essen wurde diskutiert. Ab welchem Alter durften Sie mitreden? Lebert: Zu meinem ganz großen Glück haben meine Eltern mich und meinen Bruder immer ernst genommen. Ich erinnere mich an eine tolle Situation: Mein Vater schrieb an einem Buch, das letzte Kapitel war total überfällig. Eines abends um zehn kam er aus seinem Arbeitszimmer hoch und sagte: Ich hab’s, lest das mal. Da war ich 14. Mein Vater fragte: Dre – das war mein Spitzname -, wie findest du es? Ich sagte: Leider langweilig. Meine Mutter, die hauptsächlich mit meinem Vater litt, sagte: Quatsch, das ist gut. Mein Vater hat es auch verteidigt, natürlich. Aber später, kurz vor dem Zubettgehen, hat er sich noch einmal umgedreht und gesagt: Du hast ganz Recht, es ist langweilig. Und ging zurück in sein Arbeitszimmer. Deshalb habe ich heute kein Problem mit Autoritäten. Ich akzeptiere, dass es einen gibt, der das letzte Wort hat. Trotzdem kann ich dem sagen: Ich finde, Sie machen einen Granatenfehler.

SM: War Ihr Elternhaus auch eine gute Sprachschule?

Lebert: Schwer zu sagen. Aber es war ein Erfolgsprinzip, gute Geschichten zu erzählen.

SM: Lernt man zu schwindeln, Dinge zu schönen?

Lebert: Man lernt, eine Geschichte zu formen, bestimmte Dinge wegzulassen, weil sie nicht passen. Besser zu erzählen, als es eigentlich war. Aber bei allen “positiven Lügen” tauchte bei uns trotzdem immer der Moment des Kassensturzes auf, wo man sagte: Jetzt mal ehrlich. Auch bei journalistischen Geschichten muss man immer wieder sagen: Das ist jetzt so hübsch – ist es wirklich so gewesen?

SM: Sie bestätigen gerade ein gängiges Vorurteil gegenüber Journalismus, nämlich die Tendenz, Dinge zu schönen.

Lebert: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der Wahrheitsbegriff eine Illusion ist. Gucken Sie Schröder und Lafontaine an: Da gibt es definitiv zwei Versionen, und beide sind wahr.

SM: Ihr Bruder hat schon während der Schulzeit für die SZ geschrieben und ging danach gleich zur Journalistenschule. Den schien die Qual des Schreibens nicht abgeschreckt zu haben.

Lebert: Stimmt. Ich bin erst nach ihm zum Journalismus gekommen. Er ist auch der intellektuellere von uns beiden und viel autarker als ich. Er kann für sich alleine Qualität abliefern. Dafür beneide ich ihn. Ich bin eher ein Medium, mir fällt etwas ein, wenn einer das eine sagt und ein anderer das Gegenteil. Wenn ich alleine bin, fällt mir viel weniger ein.

Einfallsreich war Leberts Jobwahl auf dem Umweg zum Journalismus. Wie sein Abstecher in die Pharmaindustrie, als Vertreter für nuklearmedizinische Geräte. “Ich war 25, und das war für ein paar Monate vom Lebensgefühl her sehr okay”, sagt er und schildert, wie er die Korruption im Gesundheitswesen kennen gelernt hat, Chefärzte, die dreist nach ihrem Forschungsbonus fragten. “Denen habe ich 30.000 Mark gebracht, und dann saßen der Verwaltungsdirektor, der Chefarzt der Abteilung und ich da und haben uns kreativ etwas einfallen lassen, wie wir zwanzig Prozent Rabatt an der Kasse vorbeischmuggeln können”. Grundlage für den Job war aber seine ursprüngliche Ausbildung, das Studium der Physik. Noch heute schwärmt er von der Beschäftigung mit den grundsätzlichen Fragen nach dem Leben, der Zeit, dem Universum.

SM: Warum haben Sie das Physikstudium abgebrochen?

Lebert: Ich war nicht intelligent genug. Ich hätte bestenfalls mit 3,5 abgeschlossen und mich bei Linde als Gefriertruhen-Entwickler bewerben können. Mich hat aber nie die technische Physik interessiert, sondern die theoretische. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meinem besten Freund. Wir waren mit der Schule fertig, er wollte Chemie studieren und ich Physik. Er sagte ganz ernst: Andi, das ist für dich nichts, du bist überhaupt nicht der Typ dafür. Am Ende hat er seinen Zeigefinger in meine Richtung gestreckt und gesagt: Du wirst noch an mich denken! Und er hat Recht behalten.

SM: Die Gemeinsamkeit zwischen Physik und Journalismus ist: Beide stellen die Frage nach dem Warum – nur auf unterschiedlichen Ebenen?

Lebert: Vielleicht stimmt das. Für mich bedeutet Physik Trost. Das Eingebettetsein in einen Zusammenhang, der über einen selber hinausgeht, empfinde ich als tröstend. Beim Journalismus interessiert mich das Spiel. Heute macht man das, morgen etwas ganz anderes. Man langweilt sich nie.

SM: Wie sind Sie dann zum Journalismus gekommen? Durch ihre Kurzkrimis?

Lebert: Als ich mein Studium und den Pharmajob aufgegeben habe, habe ich gleich in meinem ganzen Leben aufgeräumt. Einen Hochzeitstermin abgesagt, eine gemeinsame Wohnung verlassen, mit drei Euroschecks in der Tasche in eine Pension gezogen. Um Geld zu verdienen, habe ich bei einem Lastwagenunternehmen angeheuert, Stückgut gefahren, Aufladen morgens um sechs. In diesen Wochen habe ich angefangen zu schreiben, nachts.

SM: Diese Geschichten haben Sie eingeschickt?

Lebert: Die nicht, sondern später die Kurzkrimis. Interessant war, dass die Quick einen Krimi ablehnte, den die Neue Revue druckte. Damals habe ich angefangen zu überlegen: Was ist der Unterschied zwischen der Neuen Revue und Quick? Zwischen TV Hören&Sehen und Hörzu? Ich habe die Zeitschriften gekauft und mir überlegt: Was ist deren Philosophie? Ich bin ziemlich sicher, dass mir das später oft geholfen hat, das Konzept eines Blattes zu erkennen und zu begreifen.

SM: Hat der Stern heute ein Konzept?

Lebert: Er ist gerade dabei, wieder eins zu finden, ja.

SM: Maier hatte kein Konzept?

Lebert: Jedenfalls nicht sichtbar. Heute versucht der Stern wieder, in jeder Ausgabe eine typische Illustriertenmischung herzustellen. Dem Maier hat sich auch die Redaktion verweigert. Und man kann nicht jede Woche das ganze Blatt aus sich selbst herausholen.

SM: Sein Abgang hat den Negativtrend auch nicht gebremst. Wie wäre der Stern veränderbar?

Lebert: Wenn ich noch einmal in ein vergleichbar großes System gehen würde, würde ich Bypässe legen. Beispiel Optik: Ich würde ein Team mit Leuten von außen zusammenstellen und denen die Aufgabe geben, in den nächsten sechs Monaten große Bildstrecken heranzuschaffen, und zwar so, dass man sie ins Blatt nehmen könnte, wenn sie einem gefallen. Jemand von außen kommt eben vielleicht mit ganz anderen Ideen.

SM: War Ihr Fehler damals, Werner Funk und die Trägheit des großen Tankers zu unterschätzen?

Lebert: Mein Fehler war, den Posten des Stellvertreters einzunehmen. Wenn ich beim Stern als Ressortleiter angefangen hätte, wäre das anders gelaufen. Als Stellvertreter müssen Sie für den Chef denken, aber auch für die Redaktion, und damals standen sich Funk und die Redaktion gegenüber. Ich dachte, ich und Funk dürfen nicht gegeneinander stehen, sonst haben wir gar keine Chance.

SM: Sie sind doch als Kronprinz gekommen, als der kommende Chefredakteur.

Lebert: Nein, ich wollte nie den Stern übernehmen. Ich wollte mit Funk ein geiles Blatt machen, weil ich dachte: Er kann etwas, was ich nicht kann, ich kann etwas, was er nicht kann. Das dachte er, glaube ich, auch. Aber er hat immer auch ein Machtspiel im Kopf. Sein Gefängnis, aus dem er leider nicht herauskommt.

SM: Sie haben das “Leben” verlassen und wollen in Zukunft, wie Sie einmal sagten, nach dem Prinzip eines “Schnellbootes” arbeiten. Was heißt das?

Lebert: Nehmen wir an, Geo möchte den hinteren Teil, das Geoskop, renovieren. Wenn Sie die Leuten fragen, die das Geoskop seit 15 Jahren machen und die parallel am Heft arbeiten, ist so ein Umbau sehr schwer. Zu meiner Firma kann man kommen und sagen: Herr Lebert, können Sie sich mal überlegen, wie so etwas aussehen könnte? Man könnte, wenn man dann ein Konzept hat, auch mal parallel solche Seiten produzieren. Das Spannende für mich ist auch, für so einen Auftrag die richtigen Leute zusammenzusuchen. Ich möchte projektbezogen Leute um mich sammeln.

SM: Was macht Sie so sicher, dass jemand auf dieses Modell eingehen wird?

Lebert: Nichts. Ich hoffe, dass es funktioniert.

SM: Ihre Mutter sagt, Ihr Hang zu Originalität käme vom Vater. Stimmt das?

Lebert: Keine Ahnung, ob es von ihm kommt. Ich finde, es ist ein Verbrechen, langweilig zu sein. Jedes Jahr Geranien kaufen ist einfach langweilig. Alleine schon die Idee, zur Gärtnerei zu fahren ist langweilig, wenn ich weiß, ich hole nur Geranien.

SM: Es ist ein Verbrechen, langweilig zu sein?

Lebert: In einem Medienberuf auf jeden Fall, klar. Auch sonst. Finden Sie nicht?

 

 

Menschen & Medien - Welt am Sonntag

Welt am Sonntag Nr. 52 vom 26.12.1999

PETER HEINLEIN

Menschen & Medien

Wie verabredet, hat Andreas Lebert diese Woche seinen Platz am Konferenztisch des Ressorts “Leben” der “Zeit” in Berlin geräumt und die Leitung an Christian Ankowitsch und Hanns-Bruno Kammertöns abgegeben. Es ging schnell, einen eigenen Schreibtisch mit Schubladen hatte Entwickler Lebert nicht. Der steht in München und ist voller Projekte für Print und TV – immerhin ist die Endemol-Firma GAT Partner in seinem Ein-Mann-Unternehmen. Nur über eine der neuen Aufgaben mag er reden: Für die Energiewirtschaft Baden-Württemberg macht er vier edle “Energieporträts” im Jahr. Das erste – im Januar – featured Alex Krauer, Chef des Verwaltungsrates der schweizerischen UBS-Bank, früher Novartis, den Herlinde Koelbl fotografierte.

 

 

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