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SANDRA MAISCHBERGER
“Langeweile ist ein Verbrechen”
Andreas Lebert war Chef vom “Leben” der Zeit. Jetzt plaudert der Blattmacher über die Stationen seiner Karriere, seine Auffassung von Journalismus, über seine Familie und seine Pläne. Sie haben so eine Joschka-Fischer-Biografie, sage ich. Er kaut. Das Physikstudium abgebrochen, sage ich, Taxi gefahren. Er unterbricht: Erst Lastwagen. Schiebt ein Stück Hasenrücken mit der Gabel über den Teller, lädt Gemüse auf. Vertreter in der Pharmaindustrie, fahre ich fort, in einer Band gespielt, Kurzkrimis für die Neue Revue geschrieben, mit der Familie auf dem Land in Niederbayern gelebt, erst dann eine Anstellung als Redakteur – als ob Sie um jeden Preis vermeiden wollten, Journalist zu werden. Das war auch so, sagt er und schiebt fix die Gabel in den Mund. Soll wohl heißen: Sie sind wieder dran. Manchmal hat es den Anschein, als ob Andreas Lebert sich an Fragen vorbeiduckt, vor allem, wenn es um seine Person geht. Über seine Arbeit dagegen redet er mit lebhaftem Körpereinsatz, greift irgendwo in der Luft über dem Restauranttisch mit den Händen nach Wörtern. Für einen, der nicht Journalist werden wollte, hat er es weit gebracht in diesem Beruf, war fast immer Chef oder Leiter, vor allem aber Erfinder. Erfinder des SZ-Magazins, der SZ-Jugendbeilage Jetzt, zuletzt des “Lebens”, der Nachfolge des eingestellten Zeit-Magazins. Nur der Stern war nicht neu zu erfinden, schon gar nicht unter oder an der Seite von Werner Funk. Dessen Stellvertreter war Lebert mal, kurz und glücklos.
Lebert: Ich bin in diesem Beruf ein Tischtennisspieler. Dieses Spiel funktioniert nur, wenn der Mensch gegenüber den Ball zurückspielt. Erst am Ende des Spiels gibt es ein Resultat. Beim Stern habe ich aufgeschlagen, das Gegenüber hat den Ball verschluckt und ist damit weggegangen. Die spielten: Nimm, was der sagt und verwirkliche es. So funktioniere ich aber nicht, ich bin dann auch schlecht.
SM: Demnach wären Sie nur so gut, wie Ihre jeweilige Truppe. Sie können Ihre Leute aber nicht überall hin mitnehmen.
Lebert: Nein. Ich muss überall wieder neue Leute finden. Ich funktioniere eben so, dass ich sage: Das Thema ist Mineralwasserflasche – was meinen Sie, Frau Maischberger? Sie sagen vielleicht: Das müsste man anhand irgendeines Typen erzählen, der auf Korsika lebt und als Bildhauer immer Mineralwasserflaschen macht. Dann sage ich: Okay, machen wir.
SM: Wie sehr sind Sie dem Journalismus verbunden?
Lebert: Ich fühle mich dem Journalismus schon verbunden, weil ich morgens einfach gerne in einen Raum gehe und mir anhöre, was die Leute für Geschichten erzählen. Trotzdem: Ich kann mich ganz gut verabschieden. Ich mag Abschiede sogar. Szenen an Bahnsteigen, an Flughäfen, ich mag, dass ich jetzt wieder beim “Leben” aufhöre, selbst wenn es mir weh tut. Ich kann mir durchaus vorstellen, in zehn Jahren etwas ganz anderes zu machen.
SM: Und was?
Lebert: Weiß ich nicht. Es ist mir auch wichtig, das nicht zu wissen. Mein größtes Problem am Samstagmorgen beim Frühstück mit den Kindern war, wenn die fragten: Was machen wir heute? Ich wollte in dem Moment nicht schon festlegen, was danach passiert. Beim SZ-Magazin habe ich zu meiner Sekretärin gesagt: Claudia, mach’ mir bitte Tage in meinen Kalender, an denen kein Termin ist. So, dass ich morgens reinkomme, und Du sagst: kein Termin heute. Und bitte trage Tage ein, an denen Du mir Urlaub gibst. Ich würde montags fragen, was gibt’s diese Woche, und Du sagst: Mittwoch hast Du einen freien Tag.
SM: Das Prinzip Kinderüberraschung? Ganz schön schräg.
Lebert: Ich finde keinen Tag langweiliger als den, an dem ich morgens in den Kalender schaue und schon ganz genau weiß, was passiert. Furchtbar! Manchmal habe ich morgens zu Claudia gesagt: Sag’ alle Termine ab, ich will nicht, ich kann nicht, ich möchte durch die Redaktion laufen, mit Leuten rumspinnen, ich will diesen vollen Kalender nicht.
SM: Hat nie jemand im SZ-Verlag gesagt, für solche Experimente werden Sie nicht bezahlt?
Lebert: Nein. Im Impressum steht hinter meinem Namen: verantwortlich für den Inhalt. Wenn die mit dem Inhalt nicht einverstanden gewesen wären, hätten sie mich ja feuern können.
Sie haben ihn nicht gefeuert. Obwohl Andreas Leberts journalistische Rigorosität auch manchmal provozierend war. Als das SZ-Magazin eine ganze Ausgabe mit Blut druckte, informierte er den Verlag vorsorglich nicht vorab. Er kümmerte sich insgeheim um die Besorgung von “keimfreiem Blut”, um die heikle Frage des SZ-Exportes in die USA, wo kein Blut eingeführt werden darf, um eine Druckerei, die ihre Maschinen mit Blut füllen lassen würde, “und um rechtliche Fragen, wenn eine Frau klagen würde: Mein Kind ist krank geworden, ich habe das Blut nicht bestellt, ihr habt es mir auf den Frühstückstisch gelegt.” Effekthascherei, die ihm später vorgeworfen wurde, sieht er nicht: “Den Leuten ist das Blut im Fernsehen völlig egal, aber wehe, es kommt dir ein Milligramm wirklich auf den Tisch.”
Gegen diese Art Journalismus wirkt das “Leben” in der Zeit geradezu brav. Eine Ausgabe wurde in Blau gedruckt, um das drohende Verschwinden eben dieser Farbe zu illustrieren, Steffi Graf enthüllte in der Traum-Kolumne das Ende ihrer Beziehung, Zeit-Koch Wolfram Siebeck unterwarf Hannibal “The Cannibal” Lecter einer kulinarischen Prüfung (“kennt nicht den Unterschied zwischen Hirn und Bries”). Die Verschmelzung von Zeit-Magazin und “Modernes Leben” sei dennoch ein Erfolg, meint Lebert. Mit 67 Abo-Kündigungen habe es keine großen Leserverluste gegeben, die Presseresonanz war gut, und man hätte mehr Anzeigen, als erwartet. Der Auftrag also, im Großen und Ganzen, “gelungen”.
SM: Ist etwas auch nicht gelungen beim “Leben”?
Lebert: Es kann mutiger werden, es wirkt noch nicht selbstverständlich, ist noch nicht richtig lässig. Wir hatten am Anfang in der Redaktion auch große atmosphärische Schwierigkeiten. Für die Leute, die vom Magazin und “Modernen Leben” abgezogen worden waren, war ich der Typ, der aus München kommt und ihr Ressort dicht macht. Statt einer guten Aufbruchatmosphäre hatten wir Psychogruppe, jeden Tag. Jetzt ist die Stimmung gut, und es kommen die ersten richtig guten Sachen. Das »Leben« kann jetzt richtig aufdrehen.
SM: In welche Richtung?
Lebert: Vorne berichtet, kommentiert, analysiert die Zeit das Wichtigste aus der Welt. Das Signal ist: Nicht du bist wichtig, alles andere ist wichtig. Wenn ich neunzig Seiten lang dieses Signal empfangen habe, möchte ich auch einmal ein anderes, nämlich: Du bist auch wichtig. Das “Leben” wechselt die Perspektive und wendet sich unser aller Leben zu. Für mich ist es wichtig, ob meine Mutter krank ist, ob ich mit meinem Kind zurechtkomme, ob mein Hund in die Wohnung macht.
SM: Das Leitmotiv für das “Leben” heißt also?
Lebert: Zeit für mich. Das kann man auch nicht nach Inhalt strukturieren, also: Mode, Kino usw. Das entspricht nicht unserer Wahrnehmung. Im normalen Leben macht mein Chef vielleicht gerade Stress am Telefon, parallel zeigt mein Sohn mir seine Bastelei und der Hund muss raus. Mir geht es um die Gleichzeitigkeit der Wahrnehmung. Deswegen ist das “Leben” über andere Überschriften strukturiert: Reden, Aussehen, Entscheiden. So wird auch gleich klar, dass es eher um die emotionale Wahrnehmung geht. Es müssen auch Themen wie Liebe oder Beruf vorkommen, das also, was Frauenzeitschriften schon seit vielen Jahren machen. Dafür wollte ich eine Zeit-typische Qualität entwickeln. Das ist noch nicht ganz gelungen, noch kommen Geschichten heraus, die man zum Teil in der Brigitte ablehnen würde, weil sie nicht gut genug sind.
SM: Warum verzichteten Sie nicht ganz auf Rubriken?
Lebert: Ich bin leidenschaftlich für Strukturierung. Jedes Blatt braucht, mehr denn je, Formate, an die der Leser sich gewöhnt und die er wieder findet. Wir haben auch keine Rubriken, sondern Seitentitel. Wenn es auf einer Seite um “Aussehen” geht, kann das Herr Schröder in seinen Anzügen sein oder ein neues Auto oder ein Essay über die Frage: Wie erzeuge ich durch Äußerlichkeiten Respekt.
SM: Sie drucken im “Leben” auch große Bilder – macht das bei der Papierqualität wirklich Sinn?
Lebert: Absolut. Dieses Zeitungspapier ist auch toll, weil man damit so respektlos umgehen kann. Ich habe schon beobachtet, dass jemand bei unserem Fragebogen die Auflösung, die ja gestürzt daneben steht, herausreißt und umdreht. So ist das “Leben”, es ist schneller, es wird benutzt. Ich wollte der Zeit einen Teil hinzufügen, der etwas anderes ausstrahlt. Die Zeit hat ein Schlechtes-Gewissen-Problem. Dieses dicke Ding sagt: Du musst mich lesen, ich habe Dir Wichtiges zu sagen. Das “Leben” strahlt aus: Du musst mich nicht lesen. Du kannst mich lesen, Du darfst mich lesen. In Verlagen wird doch gerne gesagt: Wir brauchen so etwas wie das Streiflicht der SZ, eine lustige Glosse. Aber das Streiflicht ist eben keine lustige Glosse. Sondern der erste Text auf Seite 1, das erste, was diese Zeitung mir mitteilt, ohne Namen, gegenüber dem Wichtigen. Die Message ist: Auch Wichtige sind Würstl wie Du und ich.
SM: Sie sind der Mann für das Unwichtige und Überflüssige?
Lebert: Das kann man vielleicht so sehen. Weil ich jetzt schon zum dritten Mal etwas dem Wichtigen und Unverzichtbaren hinzufügen soll.
SM: Das kann kein Zufall sein.
Lebert: Mich interessiert der Kontrast. Ein Layouter hat mir einmal gesagt: Wenn du eine wirklich schöne Strecke hast, dann musst du das Thema davor mit Absicht schlecht layouten. Damit das auch gelesen wird, und damit das andere richtig strahlt. So schaffst du Drama, so schaffst du Kontrast. Als ich mich mit der Zeit beschäftigt habe, habe ich in meiner leeren Wohnung auf dem Boden dreißig Titel der Zeit ausgelegt, dazu dreißig Aufschlagseiten vom “Modernen Leben” und dreißig Zeit-Magazine. Da ist mir aufgefallen: Hinten muss Kontrast kommen. Da packt der Leser nicht noch eine Reportage über abgeschobene Asylanten. Das hat mir bei der Zeit den Ruf des Gute-Laune-Onkels eingetragen.
Häme gab es auch, sogar gedruckt. Zuletzt im Oktober in der ZEIT-Feuilleton-Kolumne “Finis”, ein Angriff auf “Andreas L., L wie Leben”, “richtig bösartig”, meint Lebert. Er sitzt in seinem Berliner Büro, eigentlich der Konferenzraum der “Leben”-Redaktion. Am Morgen war es hier um den Lehrerinnenmord von Meißen gegangen, die Redaktion wollte ein Elternteil mit Teenagern darüber diskutieren lassen. Warum nicht Andreas Lebert und seinen 17-jährigen Sohn Benjamin? Er wehrt ab, “sonst heißt es nur: Jetzt featured er wieder seinen Sohn.” Dabei habe er mit dem Erfolg des Sohnes und dessen Roman “Crazy” nichts zu tun, “der Benni schreibt von klein auf, er hat wirklich mit neun seinen ersten Roman geschrieben und mit zwölf den zweiten.” Als Kolumnist des Jugendmagazins Jetzt sei er dann entdeckt worden, da war Andreas Lebert schon nicht mehr bei der SZ. Natürlich, “alle in unserer Familie arbeiten in diesem Medium”, sagt Lebert. Der Bruder Stephan als Reporter beim Tagesspiegel, Mutter Ursula als Autorin für die Brigitte, Vater Norbert war Seite-3-Reporter bei der SZ und später freier Buchautor. “Den Erfindergeist hat er vom Großvater, dem Erfinder vom Unimog”, sagt Ursula Lebert über ihren Sohn Andreas, “die Originalität kommt vom Vater”. Wenn sie mit ihrem Mann in die Gärtnerei gegangen ist, sei sie immer mit den üblichen Geranien herausgekommen, “aber mein Mann fand immer etwas Ausgefallenes, eine ganz seltsame Pflanze, die niemand kannte. Er war sehr originell”. Bei Leberts zu Hause habe man eigentlich immer über Themen geredet, und sicher habe der ältere Sohn Andreas mehr als sein Bruder die Mühen eines Journalistenlebens mitbekommen.
SM: Warum wollten Sie kein Journalist werden? Weil Sie in einem Journalistenhaushalt aufgewachsen sind und gesehen haben, wie anstrengend dieses Leben ist?
Lebert: Ja. Aber ich habe auch davon profitiert. Wenn mein Vater mit einer Serien- oder Romanfolge fertig war, nach zwei unausstehlichen Tagen, sagte er: Scheiß auf die Schule, wir gehen zum Skifahren. Trotzdem: Ich habe ihn und meine Mutter nur vor dieser Maschine sitzend gesehen, tagelang. Meine Mutter hat immer geschrieben, und wenn’s nicht gut war, das Blatt herausgerissen, neu angefangen. Mein Vater hat nur geschrieben, wenn er genau wusste, was er sagen wollte. Er saß also auch mal den ganzen Tag da, ohne zu schreiben. Und immer dieser Termindruck! Das wollte ich auf gar keinen Fall.
SM: Die Qual des Schreibens hat Sie abgeschreckt?
Lebert: Ja, die Qual und die Einsamkeit. Meine Eltern waren wenig unterwegs. Es gab nur das Leben an der Schreibmaschine.
Und beim Essen wurde diskutiert. Ab welchem Alter durften Sie mitreden? Lebert: Zu meinem ganz großen Glück haben meine Eltern mich und meinen Bruder immer ernst genommen. Ich erinnere mich an eine tolle Situation: Mein Vater schrieb an einem Buch, das letzte Kapitel war total überfällig. Eines abends um zehn kam er aus seinem Arbeitszimmer hoch und sagte: Ich hab’s, lest das mal. Da war ich 14. Mein Vater fragte: Dre – das war mein Spitzname -, wie findest du es? Ich sagte: Leider langweilig. Meine Mutter, die hauptsächlich mit meinem Vater litt, sagte: Quatsch, das ist gut. Mein Vater hat es auch verteidigt, natürlich. Aber später, kurz vor dem Zubettgehen, hat er sich noch einmal umgedreht und gesagt: Du hast ganz Recht, es ist langweilig. Und ging zurück in sein Arbeitszimmer. Deshalb habe ich heute kein Problem mit Autoritäten. Ich akzeptiere, dass es einen gibt, der das letzte Wort hat. Trotzdem kann ich dem sagen: Ich finde, Sie machen einen Granatenfehler.
SM: War Ihr Elternhaus auch eine gute Sprachschule?
Lebert: Schwer zu sagen. Aber es war ein Erfolgsprinzip, gute Geschichten zu erzählen.
SM: Lernt man zu schwindeln, Dinge zu schönen?
Lebert: Man lernt, eine Geschichte zu formen, bestimmte Dinge wegzulassen, weil sie nicht passen. Besser zu erzählen, als es eigentlich war. Aber bei allen “positiven Lügen” tauchte bei uns trotzdem immer der Moment des Kassensturzes auf, wo man sagte: Jetzt mal ehrlich. Auch bei journalistischen Geschichten muss man immer wieder sagen: Das ist jetzt so hübsch – ist es wirklich so gewesen?
SM: Sie bestätigen gerade ein gängiges Vorurteil gegenüber Journalismus, nämlich die Tendenz, Dinge zu schönen.
Lebert: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der Wahrheitsbegriff eine Illusion ist. Gucken Sie Schröder und Lafontaine an: Da gibt es definitiv zwei Versionen, und beide sind wahr.
SM: Ihr Bruder hat schon während der Schulzeit für die SZ geschrieben und ging danach gleich zur Journalistenschule. Den schien die Qual des Schreibens nicht abgeschreckt zu haben.
Lebert: Stimmt. Ich bin erst nach ihm zum Journalismus gekommen. Er ist auch der intellektuellere von uns beiden und viel autarker als ich. Er kann für sich alleine Qualität abliefern. Dafür beneide ich ihn. Ich bin eher ein Medium, mir fällt etwas ein, wenn einer das eine sagt und ein anderer das Gegenteil. Wenn ich alleine bin, fällt mir viel weniger ein.
Einfallsreich war Leberts Jobwahl auf dem Umweg zum Journalismus. Wie sein Abstecher in die Pharmaindustrie, als Vertreter für nuklearmedizinische Geräte. “Ich war 25, und das war für ein paar Monate vom Lebensgefühl her sehr okay”, sagt er und schildert, wie er die Korruption im Gesundheitswesen kennen gelernt hat, Chefärzte, die dreist nach ihrem Forschungsbonus fragten. “Denen habe ich 30.000 Mark gebracht, und dann saßen der Verwaltungsdirektor, der Chefarzt der Abteilung und ich da und haben uns kreativ etwas einfallen lassen, wie wir zwanzig Prozent Rabatt an der Kasse vorbeischmuggeln können”. Grundlage für den Job war aber seine ursprüngliche Ausbildung, das Studium der Physik. Noch heute schwärmt er von der Beschäftigung mit den grundsätzlichen Fragen nach dem Leben, der Zeit, dem Universum.
SM: Warum haben Sie das Physikstudium abgebrochen?
Lebert: Ich war nicht intelligent genug. Ich hätte bestenfalls mit 3,5 abgeschlossen und mich bei Linde als Gefriertruhen-Entwickler bewerben können. Mich hat aber nie die technische Physik interessiert, sondern die theoretische. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meinem besten Freund. Wir waren mit der Schule fertig, er wollte Chemie studieren und ich Physik. Er sagte ganz ernst: Andi, das ist für dich nichts, du bist überhaupt nicht der Typ dafür. Am Ende hat er seinen Zeigefinger in meine Richtung gestreckt und gesagt: Du wirst noch an mich denken! Und er hat Recht behalten.
SM: Die Gemeinsamkeit zwischen Physik und Journalismus ist: Beide stellen die Frage nach dem Warum – nur auf unterschiedlichen Ebenen?
Lebert: Vielleicht stimmt das. Für mich bedeutet Physik Trost. Das Eingebettetsein in einen Zusammenhang, der über einen selber hinausgeht, empfinde ich als tröstend. Beim Journalismus interessiert mich das Spiel. Heute macht man das, morgen etwas ganz anderes. Man langweilt sich nie.
SM: Wie sind Sie dann zum Journalismus gekommen? Durch ihre Kurzkrimis?
Lebert: Als ich mein Studium und den Pharmajob aufgegeben habe, habe ich gleich in meinem ganzen Leben aufgeräumt. Einen Hochzeitstermin abgesagt, eine gemeinsame Wohnung verlassen, mit drei Euroschecks in der Tasche in eine Pension gezogen. Um Geld zu verdienen, habe ich bei einem Lastwagenunternehmen angeheuert, Stückgut gefahren, Aufladen morgens um sechs. In diesen Wochen habe ich angefangen zu schreiben, nachts.
SM: Diese Geschichten haben Sie eingeschickt?
Lebert: Die nicht, sondern später die Kurzkrimis. Interessant war, dass die Quick einen Krimi ablehnte, den die Neue Revue druckte. Damals habe ich angefangen zu überlegen: Was ist der Unterschied zwischen der Neuen Revue und Quick? Zwischen TV Hören&Sehen und Hörzu? Ich habe die Zeitschriften gekauft und mir überlegt: Was ist deren Philosophie? Ich bin ziemlich sicher, dass mir das später oft geholfen hat, das Konzept eines Blattes zu erkennen und zu begreifen.
SM: Hat der Stern heute ein Konzept?
Lebert: Er ist gerade dabei, wieder eins zu finden, ja.
SM: Maier hatte kein Konzept?
Lebert: Jedenfalls nicht sichtbar. Heute versucht der Stern wieder, in jeder Ausgabe eine typische Illustriertenmischung herzustellen. Dem Maier hat sich auch die Redaktion verweigert. Und man kann nicht jede Woche das ganze Blatt aus sich selbst herausholen.
SM: Sein Abgang hat den Negativtrend auch nicht gebremst. Wie wäre der Stern veränderbar?
Lebert: Wenn ich noch einmal in ein vergleichbar großes System gehen würde, würde ich Bypässe legen. Beispiel Optik: Ich würde ein Team mit Leuten von außen zusammenstellen und denen die Aufgabe geben, in den nächsten sechs Monaten große Bildstrecken heranzuschaffen, und zwar so, dass man sie ins Blatt nehmen könnte, wenn sie einem gefallen. Jemand von außen kommt eben vielleicht mit ganz anderen Ideen.
SM: War Ihr Fehler damals, Werner Funk und die Trägheit des großen Tankers zu unterschätzen?
Lebert: Mein Fehler war, den Posten des Stellvertreters einzunehmen. Wenn ich beim Stern als Ressortleiter angefangen hätte, wäre das anders gelaufen. Als Stellvertreter müssen Sie für den Chef denken, aber auch für die Redaktion, und damals standen sich Funk und die Redaktion gegenüber. Ich dachte, ich und Funk dürfen nicht gegeneinander stehen, sonst haben wir gar keine Chance.
SM: Sie sind doch als Kronprinz gekommen, als der kommende Chefredakteur.
Lebert: Nein, ich wollte nie den Stern übernehmen. Ich wollte mit Funk ein geiles Blatt machen, weil ich dachte: Er kann etwas, was ich nicht kann, ich kann etwas, was er nicht kann. Das dachte er, glaube ich, auch. Aber er hat immer auch ein Machtspiel im Kopf. Sein Gefängnis, aus dem er leider nicht herauskommt.
SM: Sie haben das “Leben” verlassen und wollen in Zukunft, wie Sie einmal sagten, nach dem Prinzip eines “Schnellbootes” arbeiten. Was heißt das?
Lebert: Nehmen wir an, Geo möchte den hinteren Teil, das Geoskop, renovieren. Wenn Sie die Leuten fragen, die das Geoskop seit 15 Jahren machen und die parallel am Heft arbeiten, ist so ein Umbau sehr schwer. Zu meiner Firma kann man kommen und sagen: Herr Lebert, können Sie sich mal überlegen, wie so etwas aussehen könnte? Man könnte, wenn man dann ein Konzept hat, auch mal parallel solche Seiten produzieren. Das Spannende für mich ist auch, für so einen Auftrag die richtigen Leute zusammenzusuchen. Ich möchte projektbezogen Leute um mich sammeln.
SM: Was macht Sie so sicher, dass jemand auf dieses Modell eingehen wird?
Lebert: Nichts. Ich hoffe, dass es funktioniert.
SM: Ihre Mutter sagt, Ihr Hang zu Originalität käme vom Vater. Stimmt das?
Lebert: Keine Ahnung, ob es von ihm kommt. Ich finde, es ist ein Verbrechen, langweilig zu sein. Jedes Jahr Geranien kaufen ist einfach langweilig. Alleine schon die Idee, zur Gärtnerei zu fahren ist langweilig, wenn ich weiß, ich hole nur Geranien.
SM: Es ist ein Verbrechen, langweilig zu sein?
Lebert: In einem Medienberuf auf jeden Fall, klar. Auch sonst. Finden Sie nicht?